Alternative Weihnachtsgeschichte
In dieser alternativen Weihnachtsgeschichte gehe ich einem bemerkenswerten Ereignisfluss nach; nämlich wie eine Gesellschaft einem Flüchtlings-Kind als Gott huldigt, während sie sich gegenüber allen abschottet, die in Gefahr, Not und Elend sind. Wir sehen die, die auf roten Teppichen gehen und sich mit salbungsvollen Worten auf einen Religionsstifter berufen, der selbst ausgegrenzt war und Gemeinschaft mit Obdachlosen und Prostituierten fand. Wir sehen Wohlhabende, sogar Milliardäre, die sich die christliche Tradition auf die Fahne schreiben, uneingedenkt des ihrem Stifter zugeschriebenen Wortes:
- Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.
Der zweite hiermit zusammenhängende Strang ist der Konsum zu Weihnachten, der nicht nur in Zeiten des Klimawandels enorm energieaufwendig ist, sondern auch Leid und Tod für unzählige Tiere bedeutet. Die Zusammenhänge zwischen Gewalt gegen Tiere und Gewalt gegen Menschen werden thematisiert.
Ein dritter Strang widmet sich den Auswirkungen unserer Weihnachtsrituale auf das Erleben von Einsamkeit:
- Betrachten wir in Anlehnung an Adrian S. Franklin die Art und Weise, wie wir Weihnachten gesellschaftlich gestalten als „kommerzialisierte Spektakel, Festivals, Aufführungen“, können wir durch bewusste Abgrenzung unser Einsamkeitserleben reduzieren und die Voraussetzungen für echte Verbundenheit schaffen.
Der Artikel gelangt zu der Schlussfolgerung, dass in unseren gesellschaftlichen Weihnachtsritualen Begriffe der Liebe und Mitmenschlichkeit zu leeren Ritualen und in ihr Gegenteil verkehrt werden.
Hoffnung aber ergibt sich aus den Möglichkeiten zu einer Alternativ-Gesellschaft, wo Einzelne aus den gesellschaftlichen Machtritualen aussteigen und sich gemeinsam für eine bessere Welt vernetzen. Hier kommen auch die Mitglieder von Gleichklang ins Spiel:
- Denn die Menschen bei Gleichklang sind überwiegend nicht zufällig, sondern bewusst zu uns gekommen. Viele von ihnen genau deshalb, weil sie sich mit der ritualisiert-egozentrischen Mehrheitsgesellschaft nicht identifizieren können.
Da Grundeinstellungen zu Gesellschaft und Menschlichkeit unsere Beziehungen tiefgreifend prägen, wird so für viele die Beziehungsfindung in der Gesellschaft überall wie auch in der indifferenten Flut der Dating-Apps erschwert, weshalb sie bei Gleichklang eine Alternative finden.
Leser:innen finden eine knappe Zusammenfassung am Ende des Artikels. Übrigens habe ich für diese alternative Weihnachtsgeschichte auf meinen Artikel aus dem Vorjahr zurückgegriffen und diesen lediglich aktualisiert.
Flüchtlinge „Jesus“ und „Abraham“
Diese Tage feiern Anhänger:innen der christlichen Religion weltweit die Geburt ihres Stifters Jesus, der jedenfalls nach dem Mythos im Matthäus-Evangelium mit seinen Eltern als Kleinstkind vor Verfolgung in ein fremdes Land, Ägypten, floh. Die Familie überquerte die Grenze illegal.
- Das Christentum zählt zusammen mit dem Judentum und dem Islam zu den abrahamitischen Religionen. Über Abraham heißt es in Genesis 12,10: “Es gab eine Hungersnot im Land – deshalb zog Abraham nach Ägypten, um dort als Fremder zu sein, da die Hungersnot schwer auf dem Land lastete.”
Heute aber berufen sich unsere Regierungen und manche andere darauf, die christlich-abendländische Kultur verteidigen zu wollen, wenn sie die Grenzen abschotten, Menschen in der Wüste verdursten, an Zäunen erfrieren oder im Meer ertrinken lassen.
Syrien als Fallbeispiel
Bevor das Regime von Bashar Assad stürzte, forderten CDU/CSU und AfD lautstark, sofort mit dem Assad-Regime zu sprechen, damit es die Geflüchteten zurücknehmen. Aber es war nicht nur die Opposition, sondern auch Innenministerin Fäser kündigte Abschiebungen nach Syrien an.
Dieser Tage sind unsere Zeitungen plötzlich voll von Berichten über Folter und Tod in den Gefängnissen des Regimes:
- Mazen al-Hamada war einer derjenigen, die nach Syrien zurückkehrten. Sein Leichnam mit Folterspuren wurde mittlerweile im Senaya-Gefängnis gefunden.
All diese Folter ist nicht neu, sondern war allen bekannt, auch der großen Koalition von Grünen bis AfD, die daran arbeitete, Geflüchtete in das Syrien Assads zurückzuschicken. Eine umfassende Dokumentation mit allen forensischen Mitteln hatte Amnesty International bereits vor mehr als acht Jahren vorgelegt, Titel des damaligen Berichts: “Syria: Human slaughterhouse: Mass hangings and extermination at Saydnaya Prison, Syria”.
Doch es gibt eine noch düstere Wahrheit:
- Die Folter war nicht nur bekannt, sie war willkommen. Sollte jemand gefoltert werden, sandten die USA ihn im Kampf gegen den Terror nach Syrien, sollte jemand für immer verschwinden, wurde er nach Ägypten gesandt. Der heutige Bundespräsident Walter Steinmeier ließ nicht nur die Folterhaft von Murat Kurnaz in Guantanamo verlängern. Er sandte auch BND-Beamte direkt in syrische Foltergefängnisse, um einen dorthin durch die USA verschleppten deutschen Staatsbürger zu befragen. Spiegel: “Man habe um die “Probleme in syrischen Gefängnissen” gewusst, sagte der SPD-Politiker. “Aber ich weise die Unterstellung, dass deutsche Behörden sich Folterbedingungen zunutze gemacht haben, um Informationen zu erlangen, entschieden zurück. Man habe sich “immer in den Grenzen des Rechtsstaates” bewegt, sagte der frühere Kanzleramtschef der rot-grünen Regierung.”
Jetzt rufen die deutschen Zeitungen lauthals, dass Assad und seine Schergen für die Folter bestraft werden sollten. Gerechtigkeit, die einseitig betrieben wird, wird jedoch zu Propaganda und Unrecht. Agnes Callamard, die Generalsekretärin von Amnesty International hat kürzlich unter dem Eindruck des Grauens in Gaza den Ländern der EU und den USA vorgeworfen, dass ihre doppelten Maßstäbe die größte Bedrohung für die Menschenrechte seien.
In der Tat fordern die gleichen Zeitungen, die nunmehr die Folter Assads strafrechtlich verfolgen wollen, nicht die Eröffnung von Verfahren gegen Steinmeier & Co, die einstmals dazu beitrugen, diese Folter zu legitimieren. Die Grünen, die damals ebenfalls Regierungsverantwortung trugen, schweigen. Ihre Außenministerin warnt aber alle Assad-Folterer vor Strafverfolgung in Deutschland, während sich ihr Ministerium weigert, die Frage zu beantworten, ob Deutschland alle Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofes vollstrecken wird. Warnen wir die Folterer einer Seite und ignorieren oder belohnen die Folterer einer anderen Seite, tragen wir nicht zur Abschaffung, sondern zur Fortsetzung von Folter bei.
Diejenigen, die gerade noch mit Assad gemeinsame Sache gegen Geflüchtete machen wollten, wussten also ganz genau, was sie taten:
- Sie hätten wohl zu anderer Zeit nichts unversucht gelassen, um das illegale Jesus-Kind gemeinsam mit seiner Familie so schnell wie möglich loszuwerden – und wenn die Reise in modernen Zeiten in einen syrischen Folterknast gegangen wäre.
Syrien ist keine Ausnahme:
- Erinnern wir uns, mit welchem Stolz Scholz und Co. mit den Taliban verhandeln ließen, um auch dorthin Menschen zu schieben.
Wer nach Afghanistan abschiebt, kann überall abschieben. Jetzt aber wollen wir alle in Ruhe unser Weihnachtsfest feiern und dem Jesus-Kind gedenken.
Abschiebung, Härte, Strafe treibt unsere politischen Macher:innen von Grünen bis AfD an. Es wird sie wohl nicht hindern, zu Weihnachten vorzulesen:
- Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.
Das eine tun, das andere sagen, das eine sagen, das andere tun – dies gehört längst zur politischen Weihnachtstradition. Worte haben im politischen Diskurs eben keine oder besser andere Bedeutungen, als sie ihnen gemeinhin zugeschrieben werden. Bei unseren Weihnachtsritualen wird dies erneut überdeutlich erkennbar.
Südafrika hatte auf eine Strafverfolgung der Apartheidverbrechen bei Bereitschaft zur Aussage vor einer Versöhnungskommission verzichtet. So wurden Ereignisse und Umstände bekannt, die sonst niemals ans Licht gekommen wären. Ich habe bisher von niemandem der gesellschaftlichen Christ:innen gehört, dass womöglich auch für Syrien und andere Länder die Lösung in Versöhnung und Aufrichtigkeit, statt in Bestrafung und Revanche liegen könnte.
- Christliche Lösungen sind offenbar das, was wir auch zu Weihnachten nicht erwägen.
Ob mit Assad oder Hay’et Tahrir al-Sham, Hauptsache gegen Schutzsuchende
Eigentlich müssten wir alle entsetzt sein über uns selbst, dass wir quer durch Medien und Parteien monatelang über eine Kooperation mit Assad gegen Schutzsuchende diskutierten. Aber diejenigen, die gerade noch mit Assad kooperieren wollten, halten nach seinem Sturz nicht inne, sondern sie wechseln einfach nur die gewünschten Kooperationspartner:
- Wollten sie zuvor Menschen an Assad´s Schergen liefern, ist nun Hay’et Tahrir al-Sham (HTS) angesagt, die sich früher Islamischer Staat und sodann Al Quaida nannten. Sie beherrschen seit Jahren die syrische Stadt Idlib und fallen dort u. a. auf durch Hinrichtungen, Folter, Entführungen. Unter den Exekutierten war auch der damals 19 jährige Mohammed Tano, der wegen Gotteslästerung hingerichtet wurde, wobei sein Hauptvergehen aber offenbar darin lag, den heutigen und damaligen HTS-Führer Jolani kritisiert zu haben. Die prominente Rechtsanwältin Der US-amerikanische Journalist Theo Padnos war von dieser Gruppe 2,5 Jahre gefangengehalten und allen erdenklichen Formen der Folter unterworfen worden. Im Interview schildert er, wie auch Kinder für die Folter eingesetzt wurden und wie er dazu gezwungen wurde, dem jetzigen HTS-Führer Abu Mohammad al-Jolani zu huldigen. Er berichtet auch, dass die meisten Gefangenen exekutiert worden seien. Vor ihrem Tod hätten sie zum Islam übertreten dürfen, um im Falle, dass es ehrlich sei, ins Paradies zu kommen. Er kenne einige Gesichter, die er jetzt als Sprecher der Organisation in westlichen Medien sehe, noch aus seiner persönlichen Foltergeschichte. Das Interview ist psychologisch sehenswert. Wir können lernen, wie Menschen Extremsituationen psychisch durchstehen und ohne Hass und Rache an ihnen wachsen können.
Die christlichen Assad-Freunde, allen voran Friedrich Merz, sind nunmehr mit fliehenden Fahnen HTS-Freunde geworden, wobei sie ihren neuen Freunden vorwiegend nach dem Grundsatz „Geld gegen Deportationen” zu Hilfe kommen möchten. All dies, obgleich Kämpfe andauern, 1,1 Millionen Menschen erst im Rahmen der Rebellenoffensive die Flucht ergreifen mussten, Videos über aktuelle Exekutionen im Internet kursieren, Kurden ins Kreuzfeuer geraten, die HTS kürzlich erklären ließ, dass Frauen aufgrund ihrer psychischen und biologischen Merkmale für bestimmte Regierungs-Tätigkeiten ungeeignet seien und überhaupt die künftige Entwicklung in Syrien nicht einmal im Ansatz vorhersehbar ist.
Abraham würde verhungern
Abraham floh vor einer Hungersnot. Nach den Maßstäben seiner heutigen Anhänger:innen wäre er ein imminenter Abschiebe-Kandidat gewesen. Wäre seine Flucht gescheitert und würde der Mythos stimmen, gäbe es heute weder Judentum, Christentum noch Islam:
- Hunger und Not werden nämlich in diesen christlichen Tagen nicht als Fluchtgrund anerkannt, gültige Papiere gelten als Voraussetzung. Gültige Papiere können freilich nur wenige erhalten, die mit Verfolgung oder dem Zusammenbruch der Lebensstrukturen in ihren Heimatländern konfrontiert sind. Und selbst für die wenigen, die einen Pass erhalten können, ist es fast unmöglich, Einreisevisa zu bekommen. Der neue Euphemismus lautet “irreguläre Migration bekämpfen“, gemeint ist die Flucht von Menschen vor Krieg, Verfolgung, Naturkatastrophen und Tod.
Abraham hätte unter diesen Verhältnissen also draußen bleiben müssen, Jesus ebenfalls.Übrigens, auch Willy Brandt, der ehemalige Bundeskanzler, der mit falschen Papieren aus Nazideutschland nach Skandinavien floh. Seine eigene Partei würde ihn in diesen Tagen einsperren lassen. Womöglich hätten sie ihn auch direkt an Hitler ausgeliefert – wer mit den Taliban kooperiert, dürfte kaum noch Grenzen der Unmenschlichkeit kennen.
Der alltägliche Wahnsinn
Abraham, Jesus und Willy Brandt, sie haben Glück gehabt. Solches Glück ist nicht allen vergönnt, wenn Formalien über Lebensrechte entscheiden:
- Zahlreiche Jüdinnen und Juden verloren in der Nazizeit ihr Leben, weil ihnen das rettende Visum in die Schweiz fehlte. Manche überlebten dank Schleppern, von denen einige ideell motiviert waren, andere finanziell und die Fliehenden schamlos ausnahmen. Schlepperbekämpfung war bereits damals ein Thema.
- In diesen Tagen ertrinken Menschen im Mittelmeer, unter ihnen auch Säuglinge im Alter des damaligen Jesus-Kindes. Manche von ihnen wurden durch griechische Boote zuvor aufs offene Meer gezogen. Aber auch die verschlungenen Landwege in die EU sind mit Gräbern gesäumt.
- Andere ertrinken nicht, sondern werden von einer brutalen Miliz vor der libyschen Küste aufgegriffen, die die EU Länder finanzieren und euphemistisch als „Küstenwache“ bezeichnen. Von ihr werden sie in Lager gebracht, die seitens der UN und durch den Papst als Konzentrationslager bezeichnet wurden. Hier gehören Sklaverei, Folter, Vergewaltigungen und sogar Tötungen zum Standard gehören.
- Ergänzt wird diese Kooperations-Politik der EU beispielsweise durch eine Milliarde Euro an Tunesien, welches Geflüchtete u. a. zum Verdursten in die Wüste bringt. Oder auch durch aktive Bemühungen, die Offenheit von Grenzen innerhalb Afrikas zu reduzieren, die für die Ernährungssicherheit breiter Bevölkerungskreise dort unabdingbar ist. Weil sie ihre Staatsgebiete von fliehenden Afrikaner:innen frei halten wollen, finanzieren die Regierungen der EU afrikanische Staaten, damit diese den Menschen in Afrika die lebensnotwendige Mobilität nehmen. Dies taten die EU und Deutschland auch im Sudan, wo die Rapid Support Forces (RSF) als Grenztruppen fungierten, die bekannt waren für Massaker und heute einen verheerenden Krieg gegen die sudanesische Regierung führen. Die Hauptangst der Europäer:innen scheint zu sein, dass Geflüchtete sich auf den Weg nach Europa machen. In den sich für ihre angebliche Orientierung an Menschenrechten rühmenden westlichen Staaten stehen derweil in der Hierarchie der Kriegsopfer, Geflüchteten und Vertriebenen Schwarze an unterster Stelle, gefolgt von Araber:innen, beide weitab entfernt von den (richtigen) Bemühungen, die man sich um weiße und christliche Ukrainer:innen machte. Zur gleichen Zeit wurden und werden allerdings die Grenzen für andere, oftmals sogar schlimmer Betroffene, verschlossen oder diese gar abgeschoben. Die Erfahrung des Krieges in Europa zum Ausgangspunkt zu nehmen für eine universale Gleichbehandlung aller Schutzsuchenden, fiel den Verantwortlichen leider nicht ein, sodass die positive Behandlung der Ukrainer:innen letztlich zur Verschärfung einer internationalen Geflüchteten-Apartheid führte.
In Deutschland waren es so ausgerechnet Grüne, die einstmals für Asylsuchende einstanden, die die repressivsten und grausamsten Maßnahmen gegen Geflüchtete in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland auf den Weg gebracht und mit durchgesetzt haben. Das, was die aktuelle Regierung getan hat, geht über das hinaus, was die AfD vor 10 Jahren forderte. Vor diesem Sachverhalt verschließen viele die Augen, wenn sie sich gleichzeitig vermeintlich gegen Rechts wenden und die aktuelle Abschottungspolitik unterstützen.
Indifferenz
Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung ist ernsthaft davon überzeugt, in einem überlegenen System zu leben, und meint – während die eigene Bevölkerung drei Erden verbraucht – auf andere Länder mit dem Finger zeigen zu können.
- Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?
Zu Weihnachtszeiten hat die Bergpredigt wenig Konjunktur, Weihnachtsbäume sind wichtiger.
Ob es gelingen wird, das Sterben vom Mittelmeer in die Wüsten zu verlagern, ist derweil fraglich. Sicher ist aber, dass breite Bevölkerungskreise sich längst an die an Stränden angeschwemmten Kinderleichen gewöhnt haben. Diese erzeugen keinen Aufschrei. Sie werden still entsorgt – auf den Gedanken, Schiffe mit hunderten gekenterten Geflüchteten vom Meeresboden zu bergen, kommt niemand. Das ist nur unseren eigenen Angehörigen vorbehalten, falls Ihre Segel- oder Kreuzfahrtschiffe sinken.
- Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und verschließt sein Herz vor ihm, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm?
Im christlichen Abendland sparen wir uns in diesen Tagen unser Mitgefühl für wohlhabende Tourist:innen oder reiche Abenteurer:innen, für deren Rettung und wenigstens die Bergung ihrer Leichen wir alles tun, was wir für unsere afrikanischen oder arabischen Mitmenschen unterlassen. Im Übrigen bezieht sich unser Mitgefühl aber ohnehin vorwiegend auf uns selbst:
Während ganz Gaza ein Friedhof mit verscharrten und verschütteten Kinderleichen geworden ist – zahlreiche liegen in diesen Minuten durstend unter den Trümmern – haken wir dies unter Normalität ab und sind sogleich von einer nationalen Tragödie ergriffen, wenn eines unserer Kinder bei einem offenbar wahnhaft, politisch rechts und islamophob motiviertem Terroranschlag ums Leben kommt.
Widersprüche extremen Ausmaßes
Nun feiern all die gemeinsam das Weihnachtsfest. Wir nennen es das Fest der Liebe. Es ist das Fest einer Flüchtlingsfamilie. Das Fest der Geburt des Kindes, dessen Überleben in unserer schönen Neuen Welt wohl nur in Gefangenenlagern möglich wäre, wenn es nicht im Meer, der Wüste oder im Schutt in Gaza enden würde.
- Wie können wir mit salbungsvollen Worten feiern, während wir anderen unvorstellbares Leid zufügen?
- Wie können wir einem illegalen Flüchtlings-Kind als Retter der Welt huldigen und uns gleichzeitig den Kampf gegen irreguläre Migration auf die Fahnen schreiben?
- Wie können wir den Begriff der Liebe mit Indifferenz und Grausamkeit verbinden?
- Wie können wir aus diesem Wahnsinn aussteigen?
Ich werde versuchen, Antworten auf diese Fragen zu geben.
Tödlicher Genuss
Um zu Antworten zu gelangen, muss ich zunächst auf ein (scheinbar) ganz anderes Thema kommen, welches ebenfalls an diesem Weihnachtsfest – überhaupt immer, wenn Menschen feiern – besonders augenfällig wird:
- Zum Weihnachtsfest wird gerne gut gespeist. Soeben ließ Annalena Baerbock mitteilen, dass sie es zu Weihnachten gerne traditionell und deftig habe, sie esse Gans mit Klößen.
Als Menschheit töten wir für unsere Ernährung jedes Jahr ca. 75 Milliarden Landtiere und mehr als eine Billion Fische. Garnelen, Krebse, Muscheln und Schnecken sind nicht einbezogen. Eine Studie im wissenschaftlichen Fachjournal Nature Communications hat dazu folgendes Ergebnis erbracht:
- Pflanzliche Kost ist ungefähr 332-mal weniger klimabelastend als Rindfleisch oder Lammfleisch, 150-mal weniger belastend als Hühner- oder anderes Geflügelfleisch, 85-mal weniger klimabelastend als Schweinefleisch und 12-mal weniger klimabelastend als Milch oder Milchprodukte. Dabei zeigte sich, dass die Nutzung von Bio-Fleisch oder Bio-Milch keine relevante Verbesserung für das Klima bringt. Das einzige echte Bio ist pflanzlich.
- Eine andere Studie zeigte, dass die Ernährung mit 37 % der größte Einflussfaktor auf den Klimawandel ist, wobei die große Mehrheit der Emissionen durch Nutztierhaltung, Produktion und Konsum von tierischen Lebensmitteln erzeugt wird, obgleich diese lediglich ca. 18 % der weltweit verzehrten Kalorien decken.
- Eine weitere Studie weist darauf hin, dass durch den Wechsel zu einer veganen Ernährung 68 % der bereits emittierten Treibhausgase in ihren Folgen bis an das Ende des Jahrhunderts aufgehalten werden könnten. Das gäbe der Menschheit Zeit, um die katastrophalen Folgen ihres umweltzerstörerischen Werkes zu mindern und eine neue naturverträgliche Form des menschlichen Lebens zu etablieren.
Bei der Gans, die Analena Baerbock mit Familie verspeist, handelt es sich übrigens zusammen mit Hühnern um eine der meist gequälten Kreaturen dieser Erde. Niemand gibt sein Leben freiwillig, und im Kampf gegen ihre Tötung mobilisieren die meisten Menschen und Tiere noch einmal ihre letzten Kräfte.
Es sterben derweil nicht nur Gänse, Hühner, Karpfen, Kaninchen und viele andere Tiere in riesiger Menge für unser Weihnachtsfest. Millionen Wildvögel fallen indirekt unserer Gewohnheit zum Opfer, gerne zu Weihnachten und an anderen Tagen Gänse, Enten oder Hühner zu essen:
- Sachlage ist, dass es mittlerweile weitaus mehr Hühner, Enten und Gänse auf unserer Welt gibt als alle anderen Vögel zusammengerechnet. Dies wiederum erklärt die Explosion der Vogelgrippe, der nicht nur Pinguine in der Antarktis, sondern Wildvögel jeder Art in riesiger Anzahl überall auf der Welt und zunehmend auch andere Tiere zum Opfer fallen.
Ausblendung der Folgen
Diejenigen, die Tierleid rechtfertigen, werfen denjenigen, die sich für Tiere einsetzen, vor, sie würden Tiere vermenschlichen. In Wirklichkeit ist es umgekehrt:
- Heute wissen wir so gut wie nie zuvor, dass Tiere in ähnlicher Art und Weise Schmerzen verarbeiten wie wir. Tatsächlich gibt es gerade vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Verhaltensforschung und neurowissenschaftlicher Forschung keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass ein Schwein in Erstickungspanik durch Co2-Betäubung weniger leiden würde als ein Mensch in der gleichen Situation. Die Art ist eine andere, das Leid ist das Gleiche.
Wieso können wir uns dennoch so sehr an der Gans auf dem Teller und im Mund erfreuen?
Psychologische Studien geben hier eine eindeutige Antwort:
- Wenn wir Fleisch essen, blenden wir systematisch das lebende Tiere und sein Sterben aus. Wir objektifizieren das Fleisch auf dem Teller und wollen nicht an das Tier denken, was lebte und litt.
Es war nicht immer eine Selbstverständlichkeit, dass grüne Spitzenpolitiker von ihrem Fleischkonsum schwärmen:
- Einstmals waren Grüne mehrheitlich vegetarisch oder aßen Fleisch höchstens eher heimlich oder beschämt. Seitdem sind sie zu der Auffassung gekommen, dass bereits ein fleischfreier Tag in öffentlichen Kantinen unzumutbar sei. Sie treten nun als öffentliche Vorbilder für Fleischkonsum in Pressemitteilungen auf und verstehen dies wohl als Volksnähe – verständlich, wo sie doch demnächst mit der CDU/CSU koalieren wollen.
Fleischkonsum korreliert u. a. mit toxischer Männlichkeit, sozialem Dominanzstreben und rechtgerichtetem Autoritarismus. Die neue Fleischfreundlichkeit der Grünen wundert insofern nicht, als sie auch in allen anderen Bereichen gemeinsam mit der Gesellschaft eine radikale Rechtswende angetreten sind:
- Wie sie heute in den Bereichen Geflüchtete und Asyl, Umweltschutz und Klimaschutz, Frieden und Menschenrechte handeln, hat nicht einmal mehr eine Ähnlichkeit zum Denken derjenigen, die einstmals die Grünen gründeten, um für eine bessere Welt einzutreten. Das Einzige, was als Ähnlichkeit geblieben ist, besteht in den Ritualen auf Parteitagen.
Was geblieben ist, sind also Floskeln und Rituale. Es ist der gleiche Prozess, den das Christentum durchlaufen ist:
- Ein Flüchtling, Wanderprediger, der in Gemeinschaft mit Obdachlosen und Sexarbeiter:innen war, wird von denen verehrt, die auf den roten Teppichen verkehren und die absolut nichts mit ihrem vermeintlichen Idol verbindet. Sie präsentieren Floskeln, Formeln und Rituale, die dramaturgisch vorgetragen und sodann frenetisch beklatscht werden. Derweil fahren die Redner:innen fleißig fort, das Gegenteil dessen zu tun, was die von ihnen deklamierten Formeln eigentlich bedeuten würden, wenn sie denn noch eine Bedeutung hätten.
Wie wäre wohl biblisch dieser Ritualismus zu beurteilen?
- Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!
Tiere und Menschen
Ein weiteres häufiges Argument gegen die, die für Rechte für Tiere eintreten, ist, dass sie sich lieber um Kinder kümmern sollten. Wie wirksam sich diejenigen um Kinder kümmern, die aktuell Weihnachten mit Fleisch feiern, sehen wir freilich in Sudan, Gaza, im Mittelmeer und an den Außengrenzen der EU. Es sind schließlich die herrschenden Verhältnisse, die weltweit Fleischkonsum und Tierleid legitimieren, und die gleichen herrschenden Verhältnisse erzeugen auch das menschliche Leid.
Aber abseits dieser eingestandenen Polemik sehe ich einen tiefen Zusammenhang zwischen unseren Einstellungen zu Tieren und zu Menschen:
- Unzählige Studien im forensischen Bereich belegen schlüssig, dass oftmals Gewalt gegen Tiere der Gewalt gegen Menschen vorausgeht.
Ich finde das nicht erstaunlich:
- Tötungshandlungen sind beispielsweise verwandt, egal ob sie Tiere oder Menschen betreffen. Es muss massive Gewalt angewandt werden. Das Opfer wehrt sich, schreit, gibt Laute, versucht, zu entweichen oder anzugreifen. Blut fließt, auch die olfaktorischen Reize sind ähnlich. Töten ist ein extremer Akt der Außerkraftsetzung jeder Autonomie und Selbstbestimmung der Getöteten. Begehen wir diesen Akt gegen Tiere, kann der Akt unter anderen Bedingungen schnell auf Menschen generalisieren.
- Vermitteln wir demgegenüber bereits unseren Kindern die Haltung, dass wir weder Tiere noch Menschen töten. Vermitteln wir Liebe und Respekt vor dem Leben, die wir nicht ritualisiert, sondern ernst meinen, dann wird die Schwelle zu Gewalt und Tötung auch insgesamt in unserer Gesellschaft ansteigen. “Erst wenn es keine Schlachthäuser mehr gibt, wird es keine Schlachtfelder mehr geben”, ich halte diese Tolstoi zugeschriebene Aussage für psychologisch realistisch.
Feiern wir also unsere Weihnachten mit Fleisch, tragen wir letztlich ebenso zu Frieden und Gewaltlosigkeit bei, wie wenn wir ein Flüchtlings-Kind lobpreisen, um andere in den Fluten ertrinken oder in den Wüsten verdursten zu lassen. Wir verbreiten so weder Liebe noch Respekt, sondern nichts als Grausamkeit.
Festessen in Kriegs- und Hungerzeiten
Eng verbunden mit dem Tierleid unserer Festessen zu Weihnachten ist das menschliche Leid, welches wir ebenso gerne ausblenden wollen:
- Im Sudan erleben Millionen Menschen eine Hunger-Krise, während ein gnadenloser Krieg tobt und die wohlhabenden Staaten alles tun, um ihre Grenzen vor Menschen zu sichern, die aus dem Sudan fliehen müssen.
- Menschen in Haiti leben direkt in der Nachbarschaft der USA in einem Zustand unvorstellbaren Terrors. Soeben wurden mehr als 200 Menschen zu Tode in einem der schlimmsten Massaker zu Tode gehackt. Das Ergebnis ist, dass niemand Geflüchtete aus Haiti aufnimmt. Das Nachbarland Dominikanische Republik ist sogar dabei, unter Verweis auf das komplette Versagen der internationalen Gemeinschaft mehr als 10000 Menschen nach Haiti abzuschieben. Während sich die Situation täglich zuspitzt, investiert die Biden-Administration in den letzten Wochen ihrer Amtszeit enorme Anstrengungen, um weiterhin Deportationsflüge nach Haiti möglich zu machen, gleichzeitig warnt sie aufgrund der hohen Gefahrenlage dringend vor allen Reisen nach Haiti. Human Rights Watch spricht von einer schändlichen Heuchelei der Biden-Administration. Martin Luther King träumte von einer gewaltfreien Welt, heute träumen Millionen von Massendeportationen und machen davon ihre Wahlentscheidung abhängig.
- Zeitgleich erleben mehr als 2 Millionen Menschen im Gaza-Streifen die schwerste Hungersnot, die jemals mit der 2004 eingeführten Integrated Food Security Phase Classification festgestellt wurde. Diese unter unseren allen Augen erzeugte Hungersnot nimmt in diesem Moment weitere Formen an. Denn nun hat erstmals das Famine Ealry Warning System Network (FEWS NET) der United States Agency for International Development (USAID) eine sich in diesen Tagen materialisierendee Hungersnot in Nord-Gaza und einen “point of no return” bestätigt, die Veröffentlichung erfolgte einen Tag vor dem heiligen Abend. Zitat (ins Deutsche übersetzt): “Dies und die Gesamtheit der Beweise untermauern die Schlussfolgerung, dass das Kriterium für den Nahrungsmittelverbrauch für eine Hungersnot (IPC Phase 5) (≥20 Prozent der Bevölkerung mit einem Kaloriendefizit von ≥50 Prozent) höchstwahrscheinlich bereits überschritten wurde.” Statt diesen Sachverhalt zu skandalisieren, skandalisieren wir aber den Papst, weil er den gemäß aller führenden Menschenrechtsorganisationen indikriminativen Beschuss von Kindern im Gaza-Streifen als Grausamkeit bezeichnet, oder weil er fordert, zu untersuchen, ob solches Handeln einem Genozid entspreche. Währenddessen hat die größte weltweite tätige Menschenrechtsorganisation Amnesty International nach umfassender forensischer und juristischer Prüfung das Vorliegen eines Genozides bejaht – und im Übrigen natürlich ebenso die Schreckenstaten und Kriegsverbrechen der Hamas vom 07. Oktober 2023 verurteilt, die jedoch keinen Völkermord rechtfertigen können. Zitat (ins Deutsche übersetzt): „Die grausamen Verbrechen, die am 7. Oktober 2023 von der Hamas und anderen bewaffneten Gruppen an Israelis und Opfern anderer Nationalitäten begangen wurden, einschließlich vorsätzlicher Massentötungen und Geiselnahmen, können niemals Israels Völkermord an den Palästinensern in Gaza rechtfertigen.“ Der renommierte Holocaust-Forscher Bartov spricht nunmehr ebenfalls dezidiert von Genozid und Human Rights Watch spricht von genozidalen Handlungen. Ärzte ohne Grenzen beschreiben derweil “apokalyptische Bedingungen in Gaza“.
Feiern in den Untergang
Weihnachten wie auch andere Feste sind mit besonders hohem Energieaufwand verbunden. Derweil hat eine Umfrage unter hunderten Klimaforscher:innen ergeben, dass die Mehrheit von einer Erwärmung der Erde um mindestens 2,5 Grad ausgeht und enorme Verwerfungen erwartet werden. In 50 Jahren werden u. a. größere Teile Afrikas wegen der Klimaaufheizung nicht mehr bewohnbar sein. Hiervor warnen auch die Vereinten Nationen und das rote Kreuz.
Prognosen sagen voraus, dass künftig wegen des Klimawandels weitaus mehr Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Wissenschaftler:innen schätzen, dass es bereits in ca. 25 Jahren bis zu 1,2 Milliarden Klimaflüchtlinge geben wird. Darauf bereiten wir uns freilich nicht durch eine Maximierung unserer Aufnahmekapazitäten, sondern eine Maximierung unserer Abschottungskapazitäten vor.
Wie vielen der Geflüchteten wird so der Tod begegnen?
In der Mehrheitsgesellschaft will sich jedoch niemand die Feierlaune verderben lassen. Die letzte Generation sind für die meisten schlichtweg Verbrecher:innen, die bereits beginnen, in unseren Haftanstalten zu verschwinden. Das Modell ist Friedrich Merz, der gerne einmal Abstecher nach Sylt mit Privatjet unternimmt und gegen Geflüchtete schon seit Jahrzehnten im Stil der AfD hetzt. Er wird wohl der nächste Bundeskanzler werden, und die Grünen haben bereits Interesse an einer Koalition mit seiner Partei angemeldet:
- mit einer Partei, die seit jeher alles getan hat und weiterhin alles tut, um eine Welt der eskalierenden Umweltzerstörung und Grausamkeit zu schaffen, kann diese Welt nicht verbessert werden.
Es geht um Macht, Prestige, Privilegien – alles andere sind leere Worte, die keinen Bezug auf die uns umgebende Realität aufweisen. Politik ist eben ähnlich wie das Weihnachtsfest.
Weihnachten feiern kann Friedrich Merz jedenfalls und freut sich laut Eigenaussage auf das Wichteln, wie Annalena Baerbock auf ihre Gans, beide übrigens im Kreise ihrer Familie. Dann ist doch alles gut!
Theoretisch wäre Weihnachten auch anders denkbar, beispielsweise an diesem Grundsatz orientiert:
- Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? … Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen! Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. …”
Allerdings müsste dann wohl die Weihnachtsindustrie schließen und der Raubtierkapitalismus müsste einem nachhaltigen Wirtschaftssystem weichen, was gesellschaftlich nicht vorgesehen ist. Leider ist der Raubtierkapitalismus tiefgreifend in unseren konditionierten Bedürfnissen wirksam. Konsumbedürfnisse werden erzeugt, die letztlich zur Zerstörung unseres Planeten und übrigens auch unserer Beziehungen führen.
Wie weit wir uns in inhaltsleeren Ritualismus vergraben haben, lässt sich auch daran erkennen, dass nun auch der reichste Mann dieser Erde, der bald über Trillionen verfügen wird und mit all seinen Beteiligungen und Investments aktiv an der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen arbeitet, ein kultureller Christ geworden ist:
- Elon Musk erklärte kürzlich, dass er fest an die Prinzipien des Christentums glaube.
Es geht um die Aneignung religiöser Rituale für die ökonomische Machtausübung. Wer sollte diese Möglichkeit besser zu schätzen wissen als Elon Musk?
Wenn Rituale zerstören
Bei dem, was wir gegenwärtig als Weihnachten offiziell feiern, handelt es sich um ein Ritual, bei dem der Inhalt verloren gegangen ist. Die Worte mögen salbungsvoll klingen, aber sie sind leer:
- Diese Leere erlaubt es den Protagonist:innen, sich lautstark zu Klimaschutz und Menschenrechten zu bekennen, während sie ebendiese mit Füßen treten und zugrunde richten. Die „feministische Außenpolitik“ ist dafür ein Beispiel. Sie wird zur gleichen Zeit vertreten, wo schwangere Geflüchtete in Booten sterben, zum Verdursten in die Wüsten geschickt werden (mit EU Geld finanziert) oder in Gaza Mütter nicht genügend Milch für ihre neugeborenen Kinder haben.
Was geschieht ist, dass die Protagonist:innen im Namen von Liebe oder Menschenrechten sich selbst zelebrieren. Genauer gesagt, nicht ihr echtes Selbst, sondern ein Zerrbild, welches mit dem, was sie tun und denken, wenig zu tun hat.
Es sind freilich nicht nur die Repräsentant:innen an der Spitze, es ist – dies kann kaum bestritten werden – eine Mehrheit der Bevölkerung, die im besten Fall mit Indifferenz und manchmal gar mit stiller Freude auf das Leid der anderen reagiert:
- Es beginnt bei unserer Liebe gegenüber unseren Haustieren oder scheinbar gegenüber allen Tieren, die wir täglich auf unseren Tellern widerlegen. Es geht weiter mit unserer Menschenliebe, die wir im Mittelmeer real beerdigen, auch wenn wir verbal an ihr festhalten. Es setzt sich weiter fort mit unserem Klimaschutz, den wir mit billigen Stromrechnungen betreiben wollen. Dabei preisen wir uns als Vorbild für die ganze Welt, während wir selbst mehrere Erden verbrauchen und diejenigen die Rechnung zahlen lassen, die es bei einer Erde belassen. Nicht aber uns, sondern sie erleben wir als parasitär, wenn sie aufgrund unserer weltweiten Politik der verbrannten Erde ihre Heimat verlassen und sich mit baren Händen und unter unvorstellbaren Gefahren zu uns begeben müssen.
Es ist ein Gruppenegoismus derjenigen, die sich letztlich als die Sieger:innen wähnen und deren Hauptsorge darin besteht, mit anderen teilen zu müssen:
- Die Feier in diesen Tagen des weltweit eskalierenden Elends, der Not, des Krieges, der Umweltzerstörung und des Massensterbens von Menschen und Tieren ist die rituelle Selbstbepreisung einer in extremer Art und Weise auf die eigene Bezugsgruppe ausgerichteten Konsum- und Vernutzungsgesellschaft, bei der ein organisierter Wahnsinn der Indifferenz und der Zerstörung an die Stelle von Menschlichkeit getreten ist. Verdeckt wird dies – ob bewusst oder unbewusst – durch eine rituelle Verbal-Akrobatik, bei der Waffen, Abschottung, Hunger und Durst zum Ausdruck von Humanität und Verantwortung verklärt werden. Derweil geht all das verloren, was Humanität und Verantwortung tatsächlich bedeuten.
Am Fest der Liebe wird so vor allem die Liebe selbst benutzt und entleert, indem sie von denen, die sich auf sie berufen, in ihr Gegenteil verkehrt wird.
Wie werden wir zu leeren Ritualist:innen?
Aus der Psychologie liefern uns die Dissonanztheorie und die Lerntheorie Antworten.
Erinnern wir uns an den Marsch durch die Institutionen, die einstmals die Student:innenbewegung postulierte. Durch diesen Marsch wollte sie den Kampf auf den Straßen ersetzen und in eine grundlegende Transformation der Institutionen und der Gesellschaft verwandeln. Tatsächlich geschehen ist etwas anderes:
- Nicht die Menschen veränderten die Institutionen, sondern die Institutionen die Menschen.
Erklären lässt sich dies dadurch, dass die Institutionen sich nicht einfach einmal ändern lassen. Wir können nur durch sie marschieren, wenn wir uns so verhalten, wie die Institutionen dies verlangen – sonst ist das Ende des Marsches bereits erreicht.
Im Ergebnis verhalten sich die Menschen in den Institutionen in einer Weise, wie es ihren vorher geäußerten Werten widerspricht. Dies führt zu innerer Dissonanz, die uns unzufrieden macht. Um dennoch in den Institutionen verbleiben zu können und zufrieden zu werden, ändern die Betreffenden daher ihre Einstellungen. Sie denken jetzt wie die Institutionen, die sie einstmals verwandeln wollten.
Hinzu kommen lerntheoretisch die vielfachen Belohnungen, die mit gesellschaftlichen Positionen verbunden sind:
- Dies sind nicht nur oder vorwiegend materielle Belohnungen, es ist die Aufmerksamkeit, der sprichwörtliche rote Teppich, das Gefühl der Bedeutsamkeit, die sozialen Netzwerke.
- Diese Belohnungen wirken so stark, dass die Betreffenden auf Kurs der Institutionen bleiben und keineswegs ein Karriere-Ende riskieren wollen.
Dennoch gibt es noch die alten Positionen und Ideale aus der Vergangenheit in schriftlichen Dokumenten, Videos, in alten Beschlüssen, in der Erinnerung. Sie haben aber keinen Handlungsbezug mehr, sondern finden ihre Erfüllung nunmehr in Ritualen:
- Diese toten Rituale zeigen sich im Weihnachtsfest, in den Neujahresreden, bei diversen Gedenktagen, sie zeigen sich selbst in der Legitimierung der Abschottungspolitik, für die trotz oder wegen ihrer ganzen Inhumanität ausgerechnet das Wort der Humanität bemüht wird, freilich nur als Wort.
- Solche Rituale werden auch erkennbar im öffentlich geäußerten Mitgefühl derjenigen für die Hungernden in Gaza, die einen Waffenstillstand blockieren. Ebenso in der Anteilnahme für die Geiseln, von denen viele gerade wegen dieses Krieges ihr Leben verlieren. Sie werden geehrt werden in ähnlicher Weise wie die meisten Soldat:innen geehrt werden, wenn sie tot sind.
Es gibt einen anderen Weg
Ich möchte es hier nicht bei einem Ausblick der Düsterheit belassen. Wo es Dunkelheit gibt, gibt es auch Licht:
- Schauen wir auf die Menschen in Gaza, die mit bloßen Händen die Verschütteten retten, obgleich sie dabei beschossen werden. Denken wir an die Whistleblower unter den israelischen Soldaten und Ärzten, die uns von unvorstellbaren Verbrechen und systematischer Folter berichten. Machen wir uns klar, dass die Ärmsten der Armen die meisten Geflüchteten aufnehmen und viele mit ihnen den letzten Rest Brot teilen. Mitglieder der letzten Generation riskieren ihre Freiheit und die Zerstörung ihres sozialen Lebens, um dem weiter so etwas entgegenzusetzen. Auch in Deutschland gibt es Menschen, die sich um die 1,2 Millionen bei uns illegalisierten Menschen kümmern – jeder 80. Mensch – die ein Schattendasein ohne Rechte und Menschenwürde führen. Vergessen wir auch diejenigen nicht, die zur veganen Lebensweise zu wechseln und sich aktiv für die vegane Lebensweise einsetzen. Nach wissenschaftlichen Befunden ist der Wechsel zur veganen Lebensweise der größte individuelle Schritt, den wir als Menschen überhaupt tun können, um die natürlichen Lebensgrundlagen auf unserem Planeten zu schützen.
Wir mögen uns gegenüber der irrwitzig ritualisierten Gesellschaft, die Grausamkeit hinter balsamierten Worten verbirgt, hilflos fühlen, aber tatsächlich gibt es vieles, was wir tun können.
Im Grunde müssen wir zwei Formen des “Ausblendens” unterscheiden:
- Ausblenden ist destruktiv, wenn die tiefgreifenden Probleme und Ungerechtigkeiten unsichtbar gemacht oder geleugnet und auf diese Art und Weise die Voraussetzungen für ihr Fortbestehen geschaffen werden.
- Ausblenden ist ein psychologisch funktionaler Schutzmechanismus, der unsere Handlungsfähigkeit erhält, wenn wir uns die Wirklichkeit zwar klarmachen, uns sodann aber entscheiden, positiv handelnd durch diese Welt zu gehen, ohne in eine uns blockierende Depression zu verfallen.
Es hilft niemandem – und ist kein Ausdruck funktionalen Mitgefühls – wenn wir unser Leben voller Trauer und Verzweiflung verbringen. Wirksames Mitgefühl besteht in der Transformation unserer empathischen Regung in aktive Schritte, um an einer besseren Welt zu arbeiten.
Einsamkeit zu Weihnachten?
Viele denken, Einsamkeit betreffe vorwiegend ältere Menschen. Aber psychologische Studien zeigen, dass dies ein Irrtum ist. Einsamkeit betrifft sogar die Jüngsten noch mehr als die Ältesten und spielt ebenfalls im mittleren Lebensalter eine große Rolle. Genauere Befunde können Sie hierzu in dem vorherigen Artikel Einsamkeit ist keine Frage des Alters nachlesen.
Besonders an religiösen Feiertagen wird erlebte Einsamkeit oft aktualisiert wahrgenommen. Tatsächlich ist auch dies Ausdruck einer Ritualisierung. Denn Einsamkeit ist nicht an bestimmte Tage gebunden und daher kann sie auch nicht durch Aktionen an bestimmten Tagen überwunden werden. Diese tatsächliche Entkoppelung von Einsamkeit und Feiertagen steht jedoch dem Erleben einer großen Zahl an Menschen – sicherlich auch viele Gleichklang-Mitglieder – entgegen, die gerade jetzt an Einsamkeit leiden.
Die Aktualisierung der Einsamkeit zu Weihnachten entsteht durch die Internalisierung normativer gesellschaftlicher Erwartungshaltungen, die die allgegenwärtige Vereinzelung und die durch sie bedingte Einsamkeit als Ausnahmeerscheinung an einzelnen Tagen aufzuheben trachtet. Letztlich sind solche Versuche jedoch nicht nachhaltig, sondern verhallen ohne Folgen.
Insofern kann es den Einsamen an diesen Tagen zum Trost und Anreiz dienen, dass ihre Einsamkeit bei genauerer, struktureller Betrachtung heute nicht stärker ist als an anderen Tagen. Selbst wenn womöglich wegen der Eingebundenheit anderer Menschen wirklich in diesen Tagen weniger Kontakte bestehen, ist eine Reduktion der Kontaktfrequenz an einzelnen Tagen keine Ursache für strukturelle Einsamkeit, sondern kann gut bewältigt werden; jedenfalls dann, wenn wir uns von gesellschaftlichen Normativitäts-Erwartungen distanzieren:
- Was die einen als Einsamkeit erleben, beschreiben die anderen als Zeit der Ruhe und der Reflexion, wo wir auf uns selbst geworfen besser erleben können, wer wir tatsächlich sind.
Einen weiteren (wenn auch etwas bitteren) Trost können die, die zu Weihnachten einsam sind, in der Analyse von Adrian S. Franklin finden, die mit beeindruckender Präzision und Überzeugungskraft aufzeigt, dass unsere moderne kapitalistische Gesellschaft „kommerzialisierte Spektakel, Festivals, Programme und Aufführungen geschaffen hat, die eher konsumiert werden, als dass man sich mit ihnen beschäftigt und die ein geringeres Zugehörigkeitsgefühl vermitteln“.
In Wirklichkeit verpassen wir nichts, wenn Sie nicht dazugehören. Wir verlieren keine echte Verbundenheit, wenn wir zu Weihnachten außen vor bleiben. Machen wir uns dies bewusst, verspüren wir Akzeptanz, die uns erleichtert und die uns gleichzeitig den Raum gibt, uns von Wünschen nach ritualisierter Geselligkeit befreit auf den Weg zu tatsächlicher Verbundenheit zu begeben.
Mitglieder der Gleichklang-Community
Was würde geschehen, wenn wir Parship, Elite, Tinder oder eine andere größere Dating-Plattform wären und solch eine alternative Weihnachtsgeschichte an alle unsere Mitglieder und Interessent:innen versendeten?
- Massenkündigungen wären uns gewiss und unzählige Interessent:innen würden ihr Interesse fraglos verlieren.
Natürlich wird auch bei uns dieser Artikel zu einzelnen Kündigungen führen und sicherlich werden manche sich nunmehr entscheiden, von einer Teilnahme bei Gleichklang abzusehen. Aber im Ergebnis wird dies unter unseren Mitgliedern und Interessent:innen nur eine Minderheit sein.
Wer sich für die Verteilung von politischen und religiösen Einstellungen bei Gleichklang-Mitgliedern interessiert, findet dazu viele Informationen in diesen beiden vorherigen Artikeln:
- Gleichklang-Community: Zwischen Ökologie und Engagement
- Religion und Politik bei Gleichklang-Mitgliedern
Diese Umfrageergebnisse unter Gleichklang-Mitgliedern zur Frage, was ihnen am Herzen liegt, machen die Grundausrichtung in unserer Community deutlich:
- 96,1 %: Akzeptanz und Gleichberechtigung homosexueller und bisexueller Personen in allen gesellschaftlichen, juristischen und sozialen Bereichen
- 88,3 %: Akzeptanz und Gleichberechtigung von Transgender- und nicht binären Personen in allen gesellschaftlichen, juristischen und sozialen Bereichen
- 88,0 %: Überwindung des Patriarchats und Gewährleistung der kompletten Geschlechter-Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen, juristischen und sozialen Bereichen
- 86,3 %: Drastische und sofortige Maßnahmen, um die Klimakatastrophe aufzuhalten
- 73,2 %: Ausstieg aus der Nutzung von Tieren und Gewährleisten von Tierrechten
- 71,0 %: Leistungen von Entschädigungszahlungen und Wiedergutmachung für die koloniale Gewalt und Ausbeutung
- 69,3 %: Stopp der europäischen Abschottungspolitik, Gewährleistung von sicheren Fluchtwegen, Schutz des Lebens Geflüchteter
Ich bin nicht glücklich darüber, dass der Schutz Geflüchteter unseren Mitgliedern relativ am seltensten am Herzen liegt, aber mit 69,3 % sind wir auch in diesem Bereich das glatte Gegenmodell zur aktuellen Mehrheitsgesellschaft, bei der 80 % auf Abschottung setzen.
Übrigens werden die Grünen von Gleichklang-Mitgliedern mit 42 % am häufigsten gewählt. 60 % dieser Wähler:innen der Grünen sind aber nicht der Ansicht, dass die Grünen eine gute Politik betreiben, sondern bezeichnen sie als kleineres Übel. Die AfD erreicht 2,9 % der Stimmen bei Gleichklang-Mitgliedern – 2,9 % zu viel und doch ein Vielfaches weniger als in der Gesamtgesellschaft. Die Linke würde demgegenüber mit 8,2 % die 5 % Hürde locker nehmen. 23,3 % wählen diverse Kleinparteien, typischerweise aus dem ökologisch-progressivem Spektrum.
Wir sind eine Alternativ-Community, die den Begriff Alternative nicht wie die AfD missbraucht, nicht mit leeren Parolen, sondern mit echtem Leben füllt. Das sehen wir u. a. auch in den mehr als 1000 wunderbaren Projektideen, die unsere Mitglieder in der Community-Kontaktliste “Gemeinschaften und Projekte” eingetragen haben und von denen wir allen wünschen, dass sie zur Wirklichkeit gelangen mögen.
Die ritualisierte Leere sehen wir nicht nur in den religiösen und gesellschaftlichen Praktiken der uns umgebenden Mehrheitsgesellschaft, die sie an Festtagen, wie an diesen Weihnachten, geradezu herausbrüllt. Wir sehen sie auch im Online-Dating, wo weltweit hunderte Millionen Menschen unter dem Bann von Algorithmen stehen, deren Ziel es ist, die Menschen in den Plattformen zu halten und echte Beziehungen durch den Drang nach kurzfristigen Belohnungen zu ersetzen. Wo Profit der Maßstab aller Dinge ist, führen wir eben nicht nur Kriege, sondern schicken uns ebenfalls an, die Essenz zwischenmenschlicher Beziehungen durch suchterzeugende Belohnungs-Algorithmen zu ersetzen, die am Ende – so wie andere Drogen auch – bei ihren Nutzer:innen oft gähnende Leere hinterlassen.
Auch hier sind wir bei Gleichklang ein Gegenentwurf, der Beziehungsfindung jenseits jeder Form von ablenkender Belohnung ins Zentrum stellt und so für alle Mitglieder Aussichten eröffnet, dass ihre Beziehungsfindung als seltenes Ereignis, welches aber dennoch eines Tages eintritt, gelingen wird. Wir hoffen und glauben, dass viele unserer Mitglieder und die zwischen ihnen entstehenden Beziehungen sich an dem Motto auf unserer Startseite orientieren werden:
- „In einer Welt, in der vieles falsch läuft, solltest Du nicht allein sein, sondern sie gemeinsam verbessern“.
Zusammenfassung und Resümee
Das Weihnachtsfest soll ein Symbol für Mitgefühl und Gemeinschaft sein. Tatsächlich ist es ein ritualisiertes Ereignis, das Werte der Mitmenschlichkeit auf den Kopf stellt. So steht es heute oft im Widerspruch zu den zentralen Werten von Nächstenliebe und Solidarität.
Nach dem historischen Mythos waren zentrale Figuren der jüdisch-christlichen Tradition, wie Jesus und Abraham, selbst Geflüchtete, die Schutz suchten. Diese Beispiele fungieren aber nicht als Appell an Menschlichkeit und Offenheit. Stattdessen zeigt die heutige Realität eine Gesellschaft, die sich durch Grenzabschottung und die Ablehnung von Schutzsuchenden auszeichnet und dennoch das Jesus-Kind zelebriert. Dies stellt eine grundlegende Heuchelei dar, bei der Inhalte durch leere Formeln und Rituale ersetzt werden.
Ein weiteres drängendes Thema ist der Fleischkonsum, der zu Weihnachten traditionell eine zentrale Rolle spielt. Dabei tragen tierische Produkte erheblich zur Klimazerstörung bei, da ihre Herstellung Ressourcen verschwendet, die Umwelt verschmutzt und den Klimawandel beschleunigt. Doch die Problematik reicht tiefer:
- Die industrialisierte Fleischproduktion ist nicht nur umweltbelastend, sondern auch von extremer Grausamkeit gegenüber Tieren geprägt. Diese Gewalt gegenüber Tieren hat tiefere gesellschaftliche Auswirkungen, da sie die Akzeptanz von Gewalt fördert und eine Haltung etabliert, die sich schnell auch auf den Umgang der Menschen untereinander überträgt. Gewalt gegen Tiere steht oft in direktem Zusammenhang mit Gewalt gegen Menschen und spiegelt die grundlegenden Missstände unserer Gesellschaft wider.
Ein Fest der Liebe, für das Tiere sterben, ist paradox und gleichzeitig indirekt dazu geeignet, die Liebe auch zwischen Menschen auszudorren.
Dennoch gibt es Hoffnung und Handlungsmöglichkeiten:
- Das Weihnachtsfest kann als Anlass genutzt werden, um bewusste Entscheidungen zu treffen, die einen positiven Unterschied machen. Eine pflanzliche Ernährung, die Reduktion von Konsum und das Engagement für Geflüchtete sind Wege, um die Welt ein Stück menschlicher und nachhaltiger zu gestalten.
Der Begriff der Liebe wird übrigens auch durch die großen Dating-Applikationen auf leeren Ritualismus reduziert. Wie die gesamte Gesellschaft feiern diese Dating-Plattformen gegenwärtig das Weihnachtsfest mit reinen Mainstream-Mantras. So wie die Politik den Begriff der Liebe instrumentalisiert und durch Gruppenegoismus und Grausamkeit ersetzt, ersetzen die Dating-Apps die Liebe durch Benutzerfreundlichkeit und kurzfristige Belohnungen, die von echter Liebe ablenken.
Bei Gleichklang versuchen wir eine Alternativ-Community zu sein, die ihren Mitgliedern gemeinsam alternative Lebensentwürfe ermöglicht, die sich einem entleertem Ritualismus entziehen. So entstehen Verbindungen, die echte Unterstützung und Gemeinschaft ermöglichen.
Insgesamt bleibt die Botschaft klar:
- Wir können die ritualisierte und entleerte Struktur von Weihnachten hinterfragen und ihm durch bewusste Taten neuen Sinn verleihen. Indem wir uns aktiv für Mitgefühl, Umweltschutz und menschliche Werte einsetzen, können wir den Herausforderungen unserer Zeit begegnen und zu einer besseren Welt beitragen.
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Weitere Links:
Guten Abend Herr Gebauer,
danke für Ihre alternative Weihnachtsgeschichte und Ihrem Mut, dieses so zu äußern.
( damit kann man keine Partei gründen….)
Ich teile Ihre Gedanken.
Es ist wohl schon lange Zeit so, dass das Großhirn vieler Menschen primär an der Ausübung von Macht interessiert ist.
Der Mensch ist gut was Abwehrfunktionen anbelangt.
Ich denke, das wird sich nur durch ein Wunder oder eine nukleare Katastrophe verändern.
Leider.
Wir haben wirklich gründlich gelernt, abzuwehren. Das Kamel, das seinen Kopf in den Sand steckt, ist in Wirklichkeit ein Bild für uns. Ich kann Deine Sichtweise bezüglich Wunder und nuklearer Katastrophe nachvollziehen, bin mir aber nicht einmal sicher, ob wir aus letzterer lernen würden. Ein gambischer Minister meinte, Änderung wäre nur erzielbar mit einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, die aber nicht Afrika, Asien oder Lateinamerika betrifft, sondern die USA oder Europa, die es maßgeblich in der Hand haben, das Rad noch herumzudrehen. Aber aktuell gehen alle Bewohner:innen von USA/Europa davon aus, dass alles, was kommt, für sie selbst noch glimpflich ablaufen wird. So setzen wir unseren Weg fort.
Dies gesagt, können wir vieles nicht vorhersehen und manchmal können plötzliche Änderungen auf der Basis zuvor kaum erkennbarer Schritte eintreten. Ich denke, auf solch einen Prozess sollten und können wir setzen, was uns gleichzeitig motiviert, weiterhin auf Mitgefühl zu setzen und an Veränderungen zu arbeiten. Die Alternative wäre nur die Resignation, die uns jedoch weder aktuell als Einzelmenschen noch der Geselslchaft als Gesamtes weiterhilft.
Das Lesen deiner Zeilen ist in jeglicher Hinsicht herausfordernd. Der “rote Faden”, die Botschaft ist wahr, klar, bedeutungsvoll & schmerzhaft. Fakten & Tatsachen. Unsere Ambivalenz, die (alltäglichen) Lügen an uns selbst zum Nachlesen.
Die von dir gewählte Form erzeugte beim Lesen in mir ein inneres Bild, welches ich hier offenbaren möchte:
Ein junger Mensch, der aufrecht & gebeugt zugleich neben einem Bett steht, in dem ein anderer Mensch mit geschlossenen Augen liegt. Es ist unklar, ob dieser im Bett liegende Mensch atmet oder es nicht mehr tut. Aber dies spielt im großen Ganzen gar keine Rolle. Egal ob der Mensch im Bett schläft, im Koma liegt oder den Lebensatem ausgehaucht hat, es ist wie es ist. Der junge Mensch neben dem Bett ist verkrampft. Eine Aura der Verzweiflung ist sicht- & fühlbar. Er ist voll und ganz überzeugt davon auf der besseren, der richtigen, der wachen, der realen, ja der lebenden “Seite” zu sein. Er, der gebeugt stehende Mensch, der nicht bereit scheint den derzeitigen Zustand des anderen Menschen zu akzeptieren. Er kämpft um eine Veränderung “des Anderen”. Mal innerlich, mal im Aussen. Mal hochgradig aktiv, mal erschöpft passiv. Ich habe mich mit der Komaforschung (noch) nicht befasst. Auch habe ich (noch) keinen Menschen beim Sterben “auf den letzten Metern” begleitet. Dank einer persönlichen Erfahrung die der o.g. Szenerie mit den 2 Menschen sehr ähnelt jedoch die liegende Person sich in meinem erlebten Fall noch für mich sehr wertvoll & lebensweise artikulieren konnte, möchte ich folgende Erkenntnis teilen, ohne die Worte der Person wiederzugeben:
Was, wenn die liegende Person einfach nur einen schmerzlichen auch destruktiven Lernprozess durchlaufen hat & nun anders, woanders IST und freiwillig auch gar nicht mehr dort sein möchte, wo nun der gebeugt stehende Mensch “zurückgeblieben” ist?
1) Auch ich empfinde es seit meiner Jugend als Teil meiner Lebensaufgabe nicht alles hinzunehmen & zu akzeptieren was die sogenannte Zivilgesellschaft mir “vorlebt”. Ich enagierte mich seit der Grundschule und engagiere mich auch heute Dekaden danach für ein authentischeres, weicheres Miteinander. Viele verwechseln vielfältige Stärke mit banaler Härte. Viele belügen sich selbst, daher fällt es logischerweise auch leicht(er) das Gegenüber zu belügen. Ich habe viel meiner jeher begrenzte Lebensenergie in “den Wandel zu mehr Humanismus” gespeist – mehr als mir selbst gut tat. War es rückblickend ein Fehler? Hhhmmmm? Die Haltung? Nein. Die Form? Manchmal.
Nach einer sehr schweren Ent-Täuschung verlagerte ich mein Bedürfnis mich zu engagieren primär weg von den “zivilisierten Tieren mit wissentschaftlich erwiesen unterfordertem Kopfhirn hin zu den “gewöhnlichen Tieren”. ABER auch im Tierreich gibt es Täuschung (also Lüge!?), List, Eigensucht und Tötungs”lust” (surplus killing). Ich hoffe, damit löse ich eine Diskussion bzgl. Lust, Instinkt, Reflex aus. Womit wir bei den Grenzen von bewusstem und unbewusstem Denken & Handeln ankommen. Deine – ich mag es “Klageschrift” nennen, dein SPIEGEL den Du uns Allen vorhälst.. er erreicht hoffentlich Viele, die unbewusst auf zahlreiche Arten und Weisen destruktiv Denken und Handeln. Doch werden diese durch die Fülle nicht “überflutet” ergo überfordert und lehnen jede nachhaltige Auseinandersetzung damit ab? Es ist wie ein energisches Rütteln mit beiden Händen und scheinbar kräftigen Armen des gebeugt stehenden Menschen am liegenden Körpers des im Bett ruhenden Menschen.
Ich empfinde mich als sogenannter “Gutmensch” – ein “Bessermacher” in mancher Hinsicht ABER:
1) Ich vergleiche mich dabei mit – für mich – ausgeprägt destruktiven Ansichten und schrecklichen Handlungen Anderer. Ich grenze mich dadurch ab & fühle mich in diesem Moment des bewussten Wahrnehmens besser (als den/die Andere). Bin ich dadurch gut oder schlecht? Schwarz oder Weiß?. Oder vielleicht eine der Tausenden wundervollen, bunten Farben & Schattierungen dazwischen? Ist es nun schwach sich derart abzugrenzen, die Anderen zu meiden, sie “abzuschreiben”? Resigniere ich dann? Ist das Aufgeben? Ist das dann noch das Leben das ich als Lebenswert empfinde? Kann ich… Sollte ich mehr tun? Oder geht es hierbei vielleicht um die Akzeptanz von (eigenen) Grenzen des gegenwärtigen Seins?
2) Ich empfinde mich als bewusster Kosument mit kritischer Auswahl meiner Speisen & Getränke. Ich lebe z.Z. in Deutschland. Bei mir kommt hier keine Kartoffel aus Ägypten, kein Apfel aus Neuseeland auf den Teller, kein Trinkwasser aus Frankreich ins Glas. Ich verzichte auf Avocados, Mandeln aus Kalifornien, Palmöl uvm. Aber mein Notebook, was ist mit dem & dessen Bestandteilen von diversen Kontinenten? Was ist mit dem Flugzeug oder Motorschiff, welches nach Fernostasien reist? Was ist mit den Speisen & Getränken an Bord dieser Verkehrmittel? Kleidung aus Bangladesh, Produkten aus China, Saudi-Arabien, Katar oder Lithium aus Batterien von Tesla, BMW & Co? Verzichten wir zu 100% darauf so wie ich es letzte Woche bei der Firmen-Weihnachtsfeier tat und auf Gänsebraten samt Beilagen verzichtete? Früher ein Lieblingsessen von mir, heute undenkbar. Ich “liebe” Gänse für ihr Wesen, ihr Sein. Bin ich Veganer? Nein. Ich wuchs fleisch essend auf. Seit Jahrzehnten esse ich regelmäßig vegan & verzichte bewusst auf den Großteil der mir angebotenen Speisen. ABER: Ich erlaube mir 2-3x pro Monat Wildfisch einer nicht gefährdeten Art. Als körperlich gesunder Mensch mag die vegane Ernährung ein uneingeschränkt empfehlenswerter Weg sein. Mein Körper war bereits pränatal nicht gesund. Ich ernährte mich für ca. 1,5 Jahre vegan und erweiterte danach um Hühnerei gemäß Demeter/Bioland-Kriterien & Wildfisch. Mein Körper reagierte fühl- & sichtbar positiv darauf. Wozu macht mich diese Entscheidung? Zu einem “Ex-Gutmenschen” – gar einem “Schlechtmenschen”? Wie ganz allgemein gibt es nicht nur Schwarz & Weiß, Frostgrade & Hitzewellen. Das fühlende, denkende Sein ist nicht nur auf + & – ausgelegt. Ich glaube daran, dass der Großteil der Menschen in der Gleichklang-Community Vielfalt begrüßt, schätzt & lebt. Warum sollte Vielfalt nicht alle Lebensbereiche durchziehen? Lasst und doch zuerst die extreme Massentierhaltung beenden statt sich in elitären Minderheiten für 100% Verzicht abzuarbeiten? Lasst uns (wieder) perspektiv & langfristig denken und nicht nur das “hier und jetzt” zelebrieren. Das “im hier & jetzt” sein können sich selbst buddh. Mönche nur leisten, weil sie sich in die Abhängigkeit zu vorausschauend-planenden & geduldig arbeitenden Bäuerinnen & Bauern, Handwerkern & Co. begeben. Wenn wir also wieder perspektivisch-langfristig denken, fallen “wir” auch nicht auf die (politischen) Großmäuler und Radikalen mit ihren angeblich einfachen, schnellen Lösungen für komplexe Probleme herein. Das schreibt ein kinderloser Mensch insbesondere an alle Eltern und Großeltern dieser Welt.
3) Du hast das menschengemachte, weltweite Leid sehr fundiert, sehr wissend, sehr mitfühlend erfasst und uns mitgeteilt. Ich komme mir ein wenig vor wie Mitglied in einem kleinen Buchclub, dessen “kultivierte” Mitglieder gerade deinen Memoiren lauschen, die Du uns erwartungsvoll vorträgst, während der Lärm von draussen immer lauter wird da die Bagger vom Tagebau bereits am Gartentörchen entlang graben und der Brief mit der Räumungsankündigung seit Wochen ungelesen im Papierkorb liegt.
Ich habe keine “großen” Antworten, keine bahnbrechenden Lösungen um das von dir zu Recht beschriebene, angeprangerte, schreckliche, globale Leid und den beharrlichen, starrsinnigen Weg des Verderbens, den der Homo sapiens V0.9 eingeschlagen hat “radikal” zu verhindern. Mir dauert die (geistige) Evolution auch zu lange… Aber als einer von Vielen hier innerhalb unserer “Gleichklang-Blase” machen wir regelmäßig ja täglich viele kleine Schritte und treffen Mikro-Entscheidungen die nachhaltiger sind, als Vieles von dem, wass die Mächtigen und Superreichen “über die Köpfe von 8 Milliarden Individuen uns allen Tag & Nacht angetan haben und antun. Mein erster Schritt für eine bessere, humanere Zivilgesellschaft wäre alle wichtigen “Posten” mit Müttern zu besetzen. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass eine Mutter nicht per se ein “guter Mensch” ist. Doch die Wahrscheinlichkeit einer Verbesserung ja vielleicht sogar Heilung des kranken Status Quo ist signifikant erhöht. Das schreibt & empfindet ein kinderloser Mann mit Mitte 40.
Herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar, den Du mit uns teilst. Ich glaube, dass Abgrenzung hilfreich sein und zu Veränderung beitragen kann. Denn wenn wir uns von dem, was wir als Problem sehen, gar nicht abgrenzen, dann tragen wir zu seinem Fortbestehen bei. Allerdings sollte diese Abgrenzung nicht darin bestehen, andere zu verdammen, sondern bei Reflexion der eigenen Person immer wieder zu erkennen, wie schnell wir alle auf den einfachen und bequemen Weg des Mitmachens und des Nichts-Bewegens gelangen können. Es gibt unzählige Gründe für diesen Weg, die wir vorbringen können. Die Herausforderung besteht also darin, einen liebevoll-verstehenden Zugang zu den Menschen einzunehmen, ohne aber die tiefgreifenden Probleme und auch die Verantwortungslosigkeit der uns umgebenden gesellschaftlichen Struktur auszublenden. Meine Erfahrung ist, dass mit so einem Ansatz viele Menschen mit der Zeit bewegt werden können, sich auf einen neuen, verträglicheren, ökologischen und mitmenschlichen Weg zu begeben. Deine Formulierung finde ich sehr treffend: “während der Lärm von draussen immer lauter wird da die Bagger vom Tagebau bereits am Gartentörchen entlang graben und der Brief mit der Räumungsankündigung seit Wochen ungelesen im Papierkorb liegt.” Es ist wirklich so, dass uns die Zeit ausläuft, jedenfalls, wenn wir dazu beitragen möchten, so viel Leid wie möglich für so viele Menschen und Tiere wie möglich zu vermeiden. Umso wichtiger ist es, dass wir einen klaren Blick haben und gleichzeitig die emotionalen/geistigen Ressourcen aufbauen, um in dieser schwierigen Welt positiv zu handeln.
Danke für den Artikel und die Mut machenden Passagen für diejenigen, die heute alleine bleiben!
Ich freue mich sehr, dass der Artikel Dich angesprochen hat und dass Du die positive Intention wahrgenommen hast, insofern ist der Artikel nicht sinnlos.
Lange habe ich überlegt was mich an Ihrem Beitrag stört, obwohl ich die Analyse sachlich in vielem teile.
Die Kritik ist mir jedoch zu pauschal und den Gebrauch von einigen aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelversen finde ich immer fragwürdig. Kirche ist nicht gleich Kirche und tout court die Vertreter des Christentums als Heuchler abzustempeln wird der Vielfalt der Stimmen und denjenigen nicht gerecht, die ausgehend von Jesus Botschaft sich tatsächlich für Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Frieden einsetzen und ihre Stimme für die ausgegrenzten, diskriminierten und verfolgten Kreaturen erheben.
Sie haben in vielem tatsächlich auch recht. Aber ich spüre leider auch Selbstgerechtigkeit heraus und Moralismus. Alle verraten die guten Werte aber in der Gleichklang Community, da werden wir bessere Menschen?!
Wollen Sie eine Art neue, bessere Gemeinschaft oder Kirche gründen ?!
Was mich aber besonders unangenehm berührt und sogar alarmiert hat, ist die Art wie Sie über die Opfer des jüngsten Terroranschlags in Magdeburg reden.
Gewalt gegen unschuldige und an den schwächsten ist immer entsetzlich und nie zu legitimieren. Da gibt’s nichts gegeneinander aufzuwägen.
Ich würdige und achte die Trauer der Menschen in Magdeburg und gleichzeitig bin ich entsetzt über den Tod von israelischen Jugendlichen, bei der Geiselnahme, über das unsägliche Leid in Palestina, in viel zu vielen Teilen dieser Welt.
Da gibt es doch nicht zwingend einen Widerspruch – und den Menschen, die in Magdeburg trauern zu unterstellen dass für sie die Massengräber von unschuldigen in Palestina Normalität sind, finde ich schon fast zynisch.
Das sympathische an Jesus ist, dass er trotz seiner radikalen Ethik eben kein Moralist war.
Und dass er quer zu allen Vereinahmungaversuchen steht. Auch zu Ihrem.
Und: Jesus hat wirklich Geschichten erzählt.
Offene Kommunikation, keine Abhandlungen.
Auf den psychologischen Teil ihres Beitrags, der viel ermutigendes enthält, gehe ich hier nicht ein. Nur oviel: hilft es unserer persönlichen Entwicklung, wenn gefühlt doch immer die anderen schuld sind?
Die Politikerinnen ( wer hat eigentlich hier nichts abgekriegt- Sara W ?!), die “Kirche “, die die noch Fleisch essen…. Ein wichtiger Aspekt des Jesuanischen Satzes vom Balken im eigenen Auge ist die Tatsache, dass der Balken immer im eigenen Auge ist. Sobald ich anderen vorwerfe, dass sie den Balken im eigenen Auge nicht sehn bin ich ganz genau blind für meinen Balken.
In diesem Sinne sind meine Anmerkungen natürlich ganz partiell und werden ganz bestimmt nicht dem langen und ausführlichen Artikel gerecht.
Aber ich hab jetzt den Mut zur Unperfektheit ( und zum – wahrscheinlich- unpopulär sein)
Danke für Deine Kritik, die mir aber weniger auf die Inhalte bezogen scheint, als darauf, dass Du den Stil ablehnst.
Ich habe die Jesus-Zitate ebenfalls zur Verdeutlichung gebraucht (nicht aus religiösen Gründen) und habe hier ein wenig den Eindruck, dass auch Du implizit dem gesellschaftlichen Strickmuster folgst, die Zitate von ihrem Inhalt und ihren Konsequenzen zu befreien (“bloß keine Schlussfolgerung ziehen”). Warum sollte es Vereinnahmung sein, Zitate anzuführen, die doch einen völlig klaren Inhalt haben, z.B. das Zitat zum Kamel im Nadelöhr. Ich sehe das nicht als Vereinnahmung, sondern ganz im Gegenteil sehe ich eine Gesellschaft als vereinnahmend, die das absolute Gegenteil tut, was in den Zitaten zum Ausdruck kommt, und trotzdem angeblich für eine christliche Tradition eintreten möchte.
Ich spreche in dem Artikel “unsere” Gesellschaft, eben nicht über andere Völker – da ich nun einmal in dieser Gesellschaft groß geworden und sozialisiert worden bin. Ich spreche also tatsächlich in diesem Artikel nur und ausschließlich über den eigenen Balken!
Und nach m.E. ist es Zeit, dass wir, die wir in den westlichen Gesellschaftlichen sozialisiert worden sind, dies noch viel mehr tun und unsere eigenen Gesellschaften hinterfragen, anstatt uns weiterhin einzubilden, wir wären eine bessere Gesellschaft. (Dass wir dies tun, lässt sich u.a. an Meinungsumfragen, der Analyse der Tendenz der Medienberichterstattung wie am internationalem diplomatischen Auftreten Deutschland/anderer westlicher Länder erkennen). Ich würde mich freuen, wenn wir stattdessen handlungssteuernd erkennen würden, dass unsere Gesellschaft eben kein Recht auf drei Erden hat, sondern auf Kosten anderer lebt und dies ändern sollte.
Das ist die Botschaft, die ich vermitteln wollte, plus dem Hinweis, dass wir in einigen Bereichen damit auch als einzelne Menschen sofort beginnen können.
Ich denke, der Artikel wirkt deshalb so “extrem”, weil wir so stark internalisiert haben, eine bessere Gesellschaft zu sein. Nach m.E. wird dadurch aber eine echte, im Hintergrund liegende Extremität verborgen, in der das Eintreten für Menschenrechte und Gerechtigkeit nicht ernst gemeint, sondern ritualhaft ist. Darauf wollte ich hinweisen und ich habe es deshalb durch zahlreiche Sachverhalte und Links verdeutlicht, weil es ohne diese Belege zu abweichend wäre, als dass es zur Kenntnis genommen werden würde.
Meine Sichtweise ist die, dass die Missstände (Klimawandel, Abschottung gegen Geflüchtete, Duldung/Durchführung von Menschenrechtsverletzungen in riesiger Zahl, Tierausbeutung) so groß, umfassend und generalisiert sind, dass es wichtig ist, zu erkennen, dass etwas Grundlegendes gesellschaftlich nicht stimmt.
Die Wahlumfragen zeigen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung dies anders sieht. 9 % weisen z. B. dem Klimawandel für eine politische Wahlentscheidung Priorität zu. Aber der Klimawandel führt zu weltweiten Verheerungen, wird Millionen Menschen töten und ist übrigens auch für die Tierwelt eine Katastrophe. Viel mehr sehen aber Geflüchtete als Problem an und 80 % wollen Migration begrenzen.
In Anbetracht dieser Situation und des Hungers in der Welt etc. halte ich schon ein fundamentales Umsteuern für erforderlich, und dies wird laut Umfragen von den meisten nicht gewollt, weil sie stattdessen an eigene (vermeintliche) ökonomische Vorteile denken. Diese Situation ergibt sich wiederum aus der gesellschaftlichen Struktur, sodass eine Auseinandersetzung mit dieser Situation nicht möglich ist, ohne das Grundproblem zu benennen. In dem Video “Die Verhaltenskrise, die unsere Umwelt und unsere Beziehungen zerstört” stelle ich eine psychologische Studie vor, die aufzeigt, wie wir durch unsere gesellschaftliche Struktur tatsächlich zur Zerstörung unserer Erde konditioniert werden – jeder Einzelne von uns!
Die von Ihnen gespürte „Selbstgerechtigkeit“ bezieht sich vermutlich weniger auf mich, sondern darauf, dass auch Sie sich angegriffen fühlen. Aber es geht nicht um Angriff, sondern Reflexion der Missstände, die UNSERE Gesellschaft in einer Form ergriffen hat, dass die Gesellschaft das Ausmaß der Missstände und die echte Selbstgerechtigkeit (“wir sind die Opfer”, “wir sind die Guten”, “unsere Problem sind Migrant:innen”) nicht sieht. Sachlage ist nun einmal, dass alle Meinungsumfragen belegen, dass z. B. die Mehrheit der Menschen in Deutschland derzeit nicht einmal im Ansatz das Leid der anderen für politisch entscheidungsrelevant hält und stattdessen für Härte und Abschottung gegen andere plädiert. Ich denke, wir sollten dies als Ausdruck eines Fehlers in unserer Gesellschaft anerkennen.
Den Vorfall in Magdeburg habe ich in einem Satz erwähnt wegen der enormen und nach m.E. in der Tat zur Schau gestellten Beteiligung und Trauer der gesamten Politik/Gesellschaft – und der Sachlage, dass hieraus wieder in zahlreichen Artikeln und in Demonstrationen Schlüsse gegen Geflüchtete gezogen werden. Ich habe dies Beispiel auch gebracht zur Verdeutlichung des Kontrastes, weil ähnliche Kundtuungen komplett unterbleiben, wenn es das Leben anderer betrifft, selbst wenn ein Vielfaches sterben. Ich sehe hier einen Unterschied in der Wertigkeit, welches wir Menschenleben zuweisen. Ich glaube in der Tat auch, dass ein Urgrund in unserer Grausamkeit gegenüber Tieren liegt, die wir rasant auf Menschen übertragen können, wenn es sich anbietet, da das Repertoire der Grausamkeit so bereits vorhanden ist, wir brauchen es nur anzuzapfen. Deshalb spreche ich dies Thema in dem Artikel an, streng mit dem Balken im eigenen Auge, da es eben nicht z. B. um (einige) Menschen in Asien geht, die Hunde essen; einem Thema, dem sich viele deutsche Fleischesser:innen in den sozialen Netzwerken mit Herzblut widmen.
Ich sehe solch ein Kümmern (ob um Menschen oder Tiere) tatsächlich nicht als Ausdruck von Humanität, sondern als Ritualismus:
Wenn ich auch an diesen Weihnachtagen zahlreiche Menschen im Meer ertrinken lasse, die ich retten könnte, wenn ich Geld zahle, das Menschen zum Verdursten in die Wüsten verfrachtet, wenn ich Waffen an Länder liefere, die furchtbare Menschenrechtsverletzungen in diesen Tagen begehen, dann kann es mir nicht um ein echtes Mitgefühl gehen, wenn ich zur gleichen Zeit, wo ich all dies tue, plötzlich angebe, in tiefer Trauer zu sein, weil eigene Staatsbürger zu Tode gekommen sind. Es hilft auch nichts, die anderen in einem Nebensatz zu erwähnen, wenn das Hauptfeld klar bestimmt ist.
Wenn wir echte Mitmenschlichkeit wollen, geht das nicht zusammen. Wenn wir solche selektive Anteilnahme (ob für einige Menschen oder einige Tiere) als Akt der Humanität anerkennen, verschließen wir uns die Augen und tragen dazu bei, dass Verblendung und Heuchelei fortbestehen.
Bei anderen erkennen wir das auch sofort:
Wenn beispielsweise in Russland um getötete Russen getrauert wird, sehen wir alle, dass das keine Humanität ist, eben weil die anderen Toten nicht ebenso öffentlich betrauert werden und stattdessen die eigene Seite weiter tötet.
Warum wollen wir es bei uns selbst nicht sehen?
Der psychologische Teil zur Einsamkeit bezieht sich darauf, dass wir nicht mehr leiden müssen, wenn wir erkennen, dass die Weihnachtsaufführung in Wirklichkeit keine Verbundenheit schafft. Es kann Menschen helfen, zu erkennen, dass das, was sie vermissen (nicht nur Integration in Weihnachtsaktivitäten, sondern auch z. B. Geld, Luxus, gesellschaftliche Anerkennung) zum Lebensglück gar nicht erforderlich ist. Ich sehe nicht, dass ich dies mit Schuld in Verbindung gebracht habe.
Die Schuldfrage im politischen Kontext habe ich übrigens auch nicht diskutiert, sondern auf eine zugrundeliegende Struktur verwiesen, die uns alle ergreifen kann, ohne dass wir es überhaupt merken. Die von mir aufgeführten Beispiele sind nur Verdeutlichung der tiefergreifenden Struktur, bei der das Streben nach Gewinn und oberflächlichem Konsum uns den Blick auf andere Werte verstellt und bei dem unser Eintreten für Humanität ritualisiert, nur auf uns selbst bezogen und somit wirkungslos ist.
Lieber Guido F. Gebauer,
nein, ich fühle mich gar nicht angegriffen. Genau wie Sie lebe ich auch gar nicht mehr in Deutschland und habe bewusst die kleine aktive protestantische Minderheitskirche der Waldenser in Italien den deutschen Landeskirchen vorgezogen. Die haben Übrigens die humanitären Korridore erfunden und politisch durchgesetzt, die ( viel zu wenige) Menschen davor bewahren, sich den Schleppern im Mittelmeer anzuvertrauen. ( MH Mediterranean Hope)
Wie schon geschrieben finde ich vieles bedenkenswert und wertvoll was Sie schreiben.
Sich schriftlich auszutauschen hat Grenzen, wir kennen uns nicht persönlich etc.
Akzeptieren Sie doch einfach meine partielle Kritik ( wie schon eingestanden) und die Tatsache dass mir Ihr Stil nicht so zusagt und ich als Theologin und Pfarrerin einen anderen Blick auf das vielfältige und vielstimmige und komplexe Zeugnis der Bibeltexte habe.
Danke für Ihre Antwort, in Vielem sind wir “in sintonia”
Grüße Anne
Liebe Anne,
Deine Kritik akzeptiere ich natürlich und meine Vermutung mit dem “angegriffen fühlen” bezog sich auf Deinen Eindruck, es sei “selbstgerecht”. Vermutlich habe ich es deshalb so interpretiert, weil erstens manche Leser:innen mir bei solchen Artikeln direkt schreiben, dass sie sich angegriffen fühlen und zweitens der Vorwurf der “Selbstgerechtigkeit” sozusagen ein “Standardvorwurf” ist, der sehr oft gegen Veganer:innen erhoben wird, obgleich diese meistens besonders selbstkritisch sind und genau aus diesem Grund auch ihren eigenen Fleischkonsum aufgegeben haben. Insofern habe ich das mit “angegriffen sein” falsch eingeordnet.
Die Waldenser sind mir bereits wegen ihrer frühen Ablehnung der Todesstrafe ausgesprochen sympathisch, und Deine Ergänzungen zu den humanitären Korridoren vervollständigen das Bild.
Sie haben vollkommen Recht! Besonders abstoßend finde ich den Kommerz zu Weihnachten. Noch an Heiligabend brummt das Geschäft. Die Schaufenster sind festlich geschmückt, und es wird noch einmal groß Reibach gemacht von denen, die die Festtagesstimmung dazu nutzen wollen, unsere Taschen zu öffnen, nicht unsere Herzen.
Ich persönlich habe ich deshalb schon vor Jahrzehnten dem Buddhismus zugewandt. Zu Festen kaufen wir nicht, sondern opfern nur, vor allen auch als Speisung der Armen. Gegessen wird dabei nachhaltig und karmaneutral.
Ja, die komplette Ausrichtung auf zudem hochgradig umweltschädigenden Konsum trägt maßgeblich dazu, dieser Art von Weihnachten jeden konstruktiven Sinn zu nehmen. Deshalb verändern sich die meisten Menschen durch solche Tage auch nicht zum Positiven, Mitmenschlichen hin, sondern werden eher in ihren vergangenen Mustern gestärkt, die durch derartige Tage belohnt werden. In diesem Video (Spiegel) kann dies sehr eindringlich angeschaut werden.
Sehr geehrter Herr Gebauer, Sie klagen die Kirchen mit ihren roten Teppichen und Weihnachtsgottesdiensten an. Ich weiß nicht, wie viele Gottesdienste Sie mitgefeiert haben. Sehr viele Kirchengemeinden gehen sehr aufmerksam mit dem Thema des Weihnachtsfestes um. Sehr viele Kirchengemeinden in diesem Land setzen sich sehr hilfreich für Geflüchtete ein. In vielen Kirchengemeinden haben von Abschiebung gefährdete Menschen Kirchenasyl gefunden. In allen Kirchen in Deutschland wird zu Weihnachten Kollekte gesammelt für die Aktion ” Brot für die Welt”.
Sie schreiben von Syrien und mahnen eine Versöhnungskommission wie in Südafrika an. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika ist erst vier Jahre nach dem Ende der Apartheit ins Leben gerufen worden von der Anglikanischen und von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südafrika und ist unterstützt worden von den Partnerkirchen in England und in Deutschland. In Syrien gibt es fast keine Christen mehr und niemanden, der so schnell nach Assads Flucht eine solche kommission auf die Beine stellen könnte. Außerdem würde die Voraussetzung sein, daß Täter und Opfer bereit sind,einander gegenüber zu sitzen, einander ihre geschichten und Motive zu erzählen und aufeinander zu hören. Diese Bereitschaft gab es in Südafrika. In Syrien gibt es sie momentan nicht.
Dann vermischen Sie in Ihrem Beitrag manches: Jesus war kein Christ! Jesus war Jude und ein jüdisches Flüchtlingskind, das vor römischer Besatzung floh.
Sie sprechen von “historischem Mythos”. Diese Formulierung ist in sich schon ein Widerspruch. Ein Mythos ist eine literarische Gattung und damit eine literarische Wahrheit. Ob es genau dem historischen Ablauf entspricht, weiß niemand. Hingegen weiß man, daß Juden immer gefährdet und verfolgt waren und jetzt lediglich von gefährdeten und getöteten Palästinensern zu sprechen, ist sehr einseitig. Jüdinnen und Juden weltweit feiern von heute an 8 Tage Chanukka und Rituale wie Weihnachten oder Chanukka sind Lebenshilfen und Alltagsstrukturen und keine Heuchelei.
Mit freundlichen Weihnachtswünschen, Christel
Danke für die kritischen Anmerkungen.
Mein Artikel bezieht sich nicht vorwiegend auf die Kirchen. Vielleicht habe ich das nicht deutlich genug gemacht, auch nicht auf die Gläubigen. Übrigens habe ich u. a. den Papst durchaus recht positiv hervorgehoben.
Mein Artikel bezieht sich auf die Gesellschaft als Ganzes und die Politik, zumal mehrheitlich Weihnachten nicht vorwiegend religiös gesellschaftlich wahrgenommen wird. Es geht mir um leere Weihnachtsrituale, nicht um einzelne Gläubige oder Gläubigen-Gemeinschaft, die womöglich Weihnachten in Einstellungen und Handeln mit Leben füllen.
Insofern sind Ihre Ausführungen, dass vieles Gute von kirchlichen Kreisen kommt, sicherlich richtig, steht aber nicht in Widerspruch zu meinem Artikel. Ich denke, die heutige kirchliche Bilanz ist gemischt, es gibt aktuell vieles Gutes und vieles Schlechtes, die geschichtliche Bilanz ist in der Gesamtbetrachtung sicherlich kritisch. Die heutigen christlichen Kirchen sind nach meinem Verständnis widersprüchlich, was aber in meinem Artikel nicht thematisiert wird.
Inhaltlich ging es mir eher darum, zu zeigen, dass wir es weitgehend mit einer Ritualisierung zu tun haben.
Nelson Mandela war einer der Hauptprotagonisten der Versöhnungskommission und er war kein Christ. Mit ihm viele Mitglieder des ANC, auch Mitglieder der kommunistischen Partei, die atheistisch orientiert waren. Damit will ich in keiner Weise das enorme Engagement von Desmond Tutu und anderen herabwürdigen, die aus allgemein menschlichen und auch aus christlichen Gründen für die Versöhnung eingetreten sind.
Ich sehe es aber nicht so, dass eine Versöhnungskommission nur Christ:innen möglich wäre. So heißt es auch im Koran: “Wenn beide Versöhnung (iṣlāḥ) wollen, wird Gott es zwischen beiden gelingen lassen.“ Die Versöhnungskommission war ein alternativen Instrument zum Strafrecht mit hoher Effektivität. Dies lässt sich in allen Kontexten anwenden. Für Syrien fände ich das besonders passend, weil hier alle Hauptbeteiligten Verbrechen begangen haben, und ich eine Bestrafung nur der einen Seite für wenig zielführend halte. In der Tat bezog sich das Augenmerk des Artikels in diesem Kontext erneut vorwiegend um die “Ritualisierung”, wo nämlich Gerechtigkeit dadurch ihres Inhaltes entleert wird, dass sie einseitig ausgelegt wird. Gleichzeitig wähnen sich die Protagonist:innen aber moralisch im Recht.
Ich halte es für die alle Völker und Kulturen überschreitende Essenz von Fluchtgeschichten nicht entscheidend, vor wem Jesus und seine Familie geflohen sind, insbesondere für meinen Artikel. Die allgemein menschlichen Aspekte sind zentraler. Das Entscheidende für die Einordnungen in meinem Artikel ist jedenfalls, dass hier im Fokus ein Flüchtling steht.
Ich finde es weiterhin bemerkenswert, dass unsere Gesellschaft, die sich radikal gegen Geflüchtete wendet, sich zu Weihnachten auf eine Tradition beruft, deren verehrtes Subjekt nach dem Mythos ein Flüchtling war. Dass dieses gesellschaftliche Verhalten nicht als unerträglicher Widerspruch erlebt wird, ergibt sich für mich wiederum daraus, dass wir es hier tatsächlich gesamtgesellschaftlich mit Floskeln und toten Ritualen zu tun haben.
Erneut wendet sich dies nicht vorwiegend an Christ:innen und schon gar nicht an die, die sich womöglich für Geflüchtete einsetzen. Es schildert den Mehrheitstrend in der Gesellschaft.
Ich stimme Ihnen mit den “Lebenshilfen” in dieser generalisierten Form aus folgenden Gründen nicht zu:
Keine Tage werden subjektiv von so vielen Menschen als einsam erlebt, wie solche Tage. Die Hilfe kommt gerade bei denen nicht an, die einsam sind. Das wird nicht ausgeglichen durch Kompensationsversuche, sonst würde die Einsamkeit nicht von so vielen gerade an diesen Tagen beschrieben. Wenn es eine Hilfe ist, ist sie also offenbar für viele unwirksam.
Allerdings bestreite ich nicht, dass es auch umgekehrt sein kann und gerade diejenigen, die tatsächlich gläubig sind und an religiösen Veranstaltungen teilnehmen, an diesen Tagen auch ein erhöhtes Wohlbefinden entwickeln können. Eine Studie kam dabei zu diesem Gesamtergebnis:
“Die wichtigsten Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Weihnachtszeit mit einem Rückgang der Lebenszufriedenheit und des emotionalen Wohlbefindens verbunden ist. Eine Ausnahme von diesem Muster bilden jedoch die Christen, insbesondere diejenigen mit einem höheren Grad an Religiosität.”
Was wir verneinen können ist, dass sich die Weihnachtszeit auf unsere derzeitige Gesellschaft insgesamt im Sinne einer Steigerung des Wohlbefindens auswirkt, bei Gläubigen ist dies eine andere Frage, wobei hier letztlich die Nachhaltigkeit zu untersuchen wäre.
Meine eigene Argumentation oder mein Vorschlag (der sich auf die gesellschaftlichen Rituale bezieht, nicht die Gläubigen) ist, dass wir das Einsamkeits-Erleben überwinden können, wenn wir die aufgezeigte Ritualhaftigkeit des gesellschaftlichen Weihnachten erkennen, uns davon innerlich abgrenzen und stattdessen an uns selbst und an echter Verbundenheit arbeiten. Dazu hatte ich eine soziologisch ausgerichtete Studie zitiert, die dies aufzeigt.
Ich erlebe das gesellschaftliche Weihnachten weiterhin als Heuchelei, eben weil die gleichen, die salbungsvoll nun von Weihnachten sprechen, zur gleichen Zeit gegenüber anderen grausam handeln und dies mit Begriffen wie “Fest der Liebe” überdecken. Nach meiner Einschätzung ist das keine Randerscheinung, sondern der Kern der gesellschaftlich geprägten Tradition.
Ich stimme Ihren Ausführungen zu den Palästinenser:innen (“einseitig” etc.) ebenfalls nicht in Gänze zu:
Nach den (von mir verlinkten Berichten von führenden humanitären Organisationen) gibt es derzeit keinen Fleck auf der Welt, wo Menschen in solch einem Terror und Lebensgefahr leben (gemessen an der individuellen Wahrscheinlichkeit für einen einzelnen Menschen, verletzt oder getötet zu werden, zu hungern, oder Angehörige zu verlieren), wo 96 % der Kinder davon ausgehen, bald zu sterben (nach einer aktuellen Studie), wo die höchste Rate an Amputierten weltweit herrscht, die höchste Rate an Waisen, wo die Menschen ohne Narkose oder ohne ausreichende Narkose operiert werden. Selbst im Sudan – mit der im Hinblick auf die Anzahl der Betroffenen größten aktuellen Hungersnot und einem furchtbaren Krieg – ist die Wahrscheinlichkeit der einzelnen Sudanese:innen, verletzt zu werden, zu sterben, Angehörige zu verlieren etc., bei weitem geringer als die entsprechende Wahrscheinlichkeit für die Menschen in Gaza. Es gibt derzeit bezüglich des individuellen Risikos von Menschen, schweren Schaden und Leid zu erleiden, keinen vergleichbaren Platz auf unserer gesamten Erde – das ist die übereinstimmende Bewertung aller relevanten Hilfsorganisationen und Menschenrechtsorganisationen, die zu diesen Thematiken arbeiten. Da dies aktuell geschieht, müssen wir alles tun, damit es endet. Dabei ist diese aktuell ablaufende Extremsituation so unvorstellbar, dass wir sie in den Vordergrund rücken sollten, wobei ich aber auch über andere Leiderfahrungen in dem Artikel gesprochen habe.
Habe ich geschrieben, dass Jesus ein Christ war?
Ich erachte die Fluchtgeschichte Jesu in der Tat als einen historischen Mythos, es sind keine historisch belegten Fakten. Ich finde den Begriff nicht widersprüchlich. Dass Juden und Jüdinnen gefährdet und verfolgt waren und sind, steht in keinem Zusammenhang mit meiner Einordnung der Weihnachtsgeschichte als Mythos. Aber einen zentralen Zusammenhang gibt es doch; denn “Ritualismus” trägt tatsächlich nicht zum Abbau vion Antisemitismus, Rassismus und anderen Formen von Verfolgung und Vorurteilen bei. Nur ein konsequenter Bezug auf universale Menschenrechte, die wir nicht selbst durch Ausnahmen aushebeln können, könnte hier wirklich hilfreich sein. und beginnen könnte und sollten wir dabei nach meiner Einschätzung als westliche Staaten, die sich Menschenrechte offiziell auf die Fahnen schreiben, bei uns selbst. Denn es gibt – ich denke, dies zeigt der Artikel auf – genug zu tun, damit wir aufhören, Worthülsen zu verbreiten, anstatt die Inhalte der Worte zu leben und damit auch an Glaubwürdigkeit zu gewinnen.
Für den Inhalt meines Artikels ist es nach meiner Ansicht nicht entscheidend, ob die konkrete Flucht von Jesus und Familie ein Mythos oder eine historische Sachlage ist, weil der Bezug auf der Differenzierung von Inhalten und leeren Ritualen liegt, deren Leere (sich für die gesamtgesellschaftliche Praktiken, nicht für die Gläubigen) aus den im Artikel benannten Kontrasten ergibt.
Sie würden tatsächlich so weit gehen, die Verfolgung der Juden für einen Mythos zu halten?
Ihre rhetorische Frage widerspricht meiner Aussage.
Zitat aus meinem Kommentar:
“Ich erachte die Fluchtgeschichte Jesu in der Tat als einen historischen Mythos, es sind keine historisch belegten Fakten. Ich finde den Begriff nicht widersprüchlich. Dass Juden und Jüdinnen gefährdet und verfolgt waren und sind, steht in keinem Zusammenhang mit meiner Einordnung der Weihnachtsgeschichte als Mythos”
Hinter Ihrem Kommentar verbirgt sich nach meinem Eindruck eine Abwehrhaltung, die mit dem Begriff “Verkehrung ins Gegenteil” bezeichnet werden kann und – mit Verlaub – hochgradig passiv-aggressiv ist. Ich denke, wir sollten hier nicht so miteinander umgehen, weil damit verlassen wir den Boden der konstruktiven Diskussion.
Liebe Christel,
du sprichst mir aus der Seele
Danke für diesen Beitrag.
Anne Zell
Danke, Guido. Danke für den Mut (?), gerade zur Zeit, so viele “unangenehme” Themen gleichzeitig angesprochen zu haben… Ich arbeite seit mehreren Jahrzehnten daran, angesichts eben dieser allumfassenden Lage nicht komplett zu verzweifeln, sondern, konstant im kleinen wie im größeren, zu versuchen Dinge zu verbessern. Auch und gerade im Bereich des Tier- und Umweltschutzes. Denen eine Stimme zu geben, die nun wirklich gar keine haben. Deshalb: Danke für das Anprangern von Scheinheiligkeiten und Leere. Beides scheint leider tief verwurzelt. …und wer denkt schon gerne, radikal, gerne zu erst an Andere (?)…
Ich denke, Dein Ansatz, Dich in Deinem eigenen Leben für kleinere, lokale, aber auch größere Bereiche einzusetzen, wo Du etwas tun kannst, ist der richtige Weg. Indem wir trotz alledem tätig werden, schaffen wir es auch, die innere Stabilität zu haben, die ansonsten tatsächlich verloren gehen könnte. Insofern habe ich meinen Artikel auch nicht als einen Artikel der Verzweiflung und Resignation, sondern der Hoffnung und Veränderung schreiben wollen. Allerdings glaube ich, dass wir uns die Analyse der Realsituation (die schrecklich ist) nicht ersparen können, um sodann sozusagen aus dieser Finsternis heraus Licht zu schaffen. Das gesellschaftliche Mehrheitsweihnachtsfest tut gegenüber nach meiner Einschätzung das Gegenteil, indem es die zu verändernden Grundprobleme eher verdeckt und damit quasi illusionäre Scheinlichter schafft, die den Weg für Veränderungen nicht bahnen, sondern verstellen.
Lieber Guido F. Gebauer,
ich möchte nach all dem zuvor Gelesenen hier nicht erwähnen, dass ich vom Inhalt Ihres Artikels überzeugt bin, obwohl dem eigentlich so ist. Auch möchte ich nicht erwähnen, dass ich seit Jahren für Geflüchtete mehr getan habe als die meisten Menschen in unserer Gesellschaft, obwohl dem auch so ist.
Gibt es denn auch soziologische Daten darüber, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Mehrheit Ihrer Gleichklang-Mitglieder solche Artikel von Ihnen überhaupt annehmen und verstehen kann?
Ich verspüre kein Unbehagen beim Lesen Ihrer Ausführungen, sondern beim mir-Vorstellen, dass unter Gleichklang-Leuten einfach gewisse Sinne fehlen könnten. Ein Vergleich: was nützen tolle Radio-Essays, wenn viel zu Wenige Antennen und Receiver besitzen, um sie zu empfangen? Ich hoffe, ich irre mich, aber falls nicht: wie können Sie dann Ihr Dating-Anliegen in Zukunft mit dem warnend-vorausschauenden Ansinnen verbinden?
Dass das gelingen möge ist mein Wunsch für Sie zum Neuen Jahr: Ich wäre gern Teil einer Community, die mit Begeisterung mehrheitlich hinter Ihrer angebotenen Philosophie steht. Das schließt Kritik am Stil oder an eventuellen Irrtümern Ihrerseits ja nicht aus.
der Stralauer