Kommentare (20)

  1. Sylvia Schenke says:

    Guten Abend Herr Gebauer,

    danke für Ihre alternative Weihnachtsgeschichte und Ihrem Mut, dieses so zu äußern.
    ( damit kann man keine Partei gründen….)
    Ich teile Ihre Gedanken.
    Es ist wohl schon lange Zeit so, dass das Großhirn vieler Menschen primär an der Ausübung von Macht interessiert ist.
    Der Mensch ist gut was Abwehrfunktionen anbelangt.
    Ich denke, das wird sich nur durch ein Wunder oder eine nukleare Katastrophe verändern.
    Leider.

      1. Wir haben wirklich gründlich gelernt, abzuwehren. Das Kamel, das seinen Kopf in den Sand steckt, ist in Wirklichkeit ein Bild für uns. Ich kann Deine Sichtweise bezüglich Wunder und nuklearer Katastrophe nachvollziehen, bin mir aber nicht einmal sicher, ob wir aus letzterer lernen würden. Ein gambischer Minister meinte, Änderung wäre nur erzielbar mit einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, die aber nicht Afrika, Asien oder Lateinamerika betrifft, sondern die USA oder Europa, die es maßgeblich in der Hand haben, das Rad noch herumzudrehen. Aber aktuell gehen alle Bewohner:innen von USA/Europa davon aus, dass alles, was kommt, für sie selbst noch glimpflich ablaufen wird. So setzen wir unseren Weg fort.

        Dies gesagt, können wir vieles nicht vorhersehen und manchmal können plötzliche Änderungen auf der Basis zuvor kaum erkennbarer Schritte eintreten. Ich denke, auf solch einen Prozess sollten und können wir setzen, was uns gleichzeitig motiviert, weiterhin auf Mitgefühl zu setzen und an Veränderungen zu arbeiten. Die Alternative wäre nur die Resignation, die uns jedoch weder aktuell als Einzelmenschen noch der Geselslchaft als Gesamtes weiterhilft.

    • Carsten says:

      Das Lesen deiner Zeilen ist in jeglicher Hinsicht herausfordernd. Der “rote Faden”, die Botschaft ist wahr, klar, bedeutungsvoll & schmerzhaft. Fakten & Tatsachen. Unsere Ambivalenz, die (alltäglichen) Lügen an uns selbst zum Nachlesen.

      Die von dir gewählte Form erzeugte beim Lesen in mir ein inneres Bild, welches ich hier offenbaren möchte:
      Ein junger Mensch, der aufrecht & gebeugt zugleich neben einem Bett steht, in dem ein anderer Mensch mit geschlossenen Augen liegt. Es ist unklar, ob dieser im Bett liegende Mensch atmet oder es nicht mehr tut. Aber dies spielt im großen Ganzen gar keine Rolle.  Egal ob der Mensch im Bett schläft, im Koma liegt oder den Lebensatem ausgehaucht hat, es ist wie es ist. Der junge Mensch neben dem Bett ist verkrampft. Eine Aura der Verzweiflung ist sicht- & fühlbar. Er ist voll und ganz überzeugt davon auf der besseren, der richtigen, der wachen, der realen, ja der lebenden “Seite” zu sein. Er, der gebeugt stehende Mensch, der nicht bereit scheint den derzeitigen Zustand des anderen Menschen zu akzeptieren. Er kämpft um eine Veränderung “des Anderen”. Mal innerlich, mal im Aussen. Mal hochgradig aktiv, mal erschöpft passiv. Ich habe mich mit der Komaforschung (noch) nicht befasst. Auch habe ich (noch) keinen Menschen beim Sterben “auf den letzten Metern” begleitet. Dank einer persönlichen Erfahrung die der o.g. Szenerie mit den 2 Menschen sehr ähnelt jedoch die liegende Person sich in meinem erlebten Fall noch für mich sehr wertvoll & lebensweise artikulieren konnte, möchte ich folgende Erkenntnis teilen, ohne die Worte der Person wiederzugeben:

      Was, wenn die liegende Person einfach nur einen schmerzlichen auch destruktiven Lernprozess durchlaufen hat & nun anders, woanders IST und freiwillig auch gar nicht mehr dort sein möchte, wo nun der gebeugt stehende Mensch “zurückgeblieben” ist? 

      1) Auch ich empfinde es seit meiner Jugend als Teil meiner Lebensaufgabe nicht alles hinzunehmen & zu akzeptieren was die sogenannte Zivilgesellschaft mir “vorlebt”. Ich enagierte mich seit der Grundschule und engagiere mich auch heute Dekaden danach für ein authentischeres, weicheres Miteinander. Viele verwechseln vielfältige Stärke mit banaler Härte. Viele belügen sich selbst, daher fällt es logischerweise auch leicht(er) das Gegenüber zu belügen. Ich habe viel meiner jeher begrenzte Lebensenergie in “den Wandel zu mehr Humanismus” gespeist – mehr als mir selbst gut tat. War es rückblickend ein Fehler? Hhhmmmm? Die Haltung? Nein. Die Form? Manchmal. 

      Nach einer sehr schweren Ent-Täuschung verlagerte ich mein Bedürfnis mich zu engagieren primär weg von den “zivilisierten Tieren mit wissentschaftlich erwiesen unterfordertem Kopfhirn hin zu den “gewöhnlichen Tieren”. ABER auch im Tierreich gibt es Täuschung (also Lüge!?), List, Eigensucht und Tötungs”lust” (surplus killing). Ich hoffe, damit löse ich eine Diskussion bzgl. Lust, Instinkt, Reflex aus. Womit wir bei den Grenzen von bewusstem und unbewusstem Denken & Handeln ankommen. Deine – ich mag es “Klageschrift” nennen, dein SPIEGEL den Du uns Allen vorhälst.. er erreicht hoffentlich Viele, die unbewusst auf zahlreiche Arten und Weisen destruktiv Denken und Handeln. Doch werden diese durch die Fülle nicht “überflutet” ergo überfordert und lehnen jede nachhaltige Auseinandersetzung damit ab? Es ist wie ein energisches Rütteln mit beiden Händen und scheinbar kräftigen Armen des gebeugt stehenden Menschen am liegenden Körpers des im Bett ruhenden Menschen. 

      Ich empfinde mich als sogenannter “Gutmensch” – ein “Bessermacher” in mancher Hinsicht ABER:

      1) Ich vergleiche mich dabei mit – für mich – ausgeprägt destruktiven Ansichten und schrecklichen Handlungen Anderer. Ich grenze mich dadurch ab & fühle mich in diesem Moment des bewussten Wahrnehmens besser (als den/die Andere). Bin ich dadurch gut oder schlecht? Schwarz oder Weiß?. Oder vielleicht eine der Tausenden wundervollen, bunten Farben & Schattierungen dazwischen? Ist es nun schwach sich derart abzugrenzen, die Anderen zu meiden, sie “abzuschreiben”? Resigniere ich dann? Ist das Aufgeben? Ist das dann noch das Leben das ich als Lebenswert empfinde? Kann ich… Sollte ich mehr tun? Oder geht es hierbei vielleicht um die Akzeptanz von (eigenen) Grenzen des gegenwärtigen Seins? 

      2) Ich empfinde mich als bewusster Kosument mit kritischer Auswahl meiner Speisen & Getränke. Ich lebe z.Z. in Deutschland. Bei mir kommt hier keine Kartoffel aus Ägypten, kein Apfel aus Neuseeland auf den Teller, kein Trinkwasser aus Frankreich ins Glas. Ich verzichte auf Avocados, Mandeln aus Kalifornien, Palmöl uvm. Aber mein Notebook, was ist mit dem & dessen Bestandteilen von diversen Kontinenten? Was ist mit dem Flugzeug oder Motorschiff, welches nach Fernostasien reist? Was ist mit den Speisen & Getränken an Bord dieser Verkehrmittel? Kleidung aus Bangladesh, Produkten aus China, Saudi-Arabien, Katar oder Lithium aus Batterien von Tesla, BMW & Co? Verzichten wir zu 100% darauf so wie ich es letzte Woche bei der Firmen-Weihnachtsfeier tat und auf Gänsebraten samt Beilagen verzichtete? Früher ein Lieblingsessen von mir, heute undenkbar. Ich “liebe” Gänse für ihr Wesen, ihr Sein. Bin ich Veganer? Nein. Ich wuchs fleisch essend auf. Seit Jahrzehnten esse ich regelmäßig vegan & verzichte bewusst auf den Großteil der mir angebotenen Speisen. ABER: Ich erlaube mir 2-3x pro Monat Wildfisch einer nicht gefährdeten Art. Als körperlich gesunder Mensch mag die vegane Ernährung ein uneingeschränkt empfehlenswerter Weg sein. Mein Körper war bereits pränatal nicht gesund. Ich ernährte mich für ca. 1,5 Jahre vegan und erweiterte danach um Hühnerei gemäß Demeter/Bioland-Kriterien & Wildfisch. Mein Körper reagierte fühl- & sichtbar positiv darauf. Wozu macht mich diese Entscheidung? Zu einem “Ex-Gutmenschen” – gar einem “Schlechtmenschen”? Wie ganz allgemein gibt es nicht nur Schwarz & Weiß, Frostgrade & Hitzewellen. Das fühlende, denkende Sein ist nicht nur auf + & – ausgelegt. Ich glaube daran, dass der Großteil der Menschen in der Gleichklang-Community Vielfalt begrüßt, schätzt & lebt. Warum sollte Vielfalt nicht alle Lebensbereiche durchziehen? Lasst und doch zuerst die extreme Massentierhaltung beenden statt sich in elitären Minderheiten für 100% Verzicht abzuarbeiten? Lasst uns (wieder) perspektiv & langfristig denken und nicht nur das “hier und jetzt” zelebrieren. Das “im hier & jetzt” sein können sich selbst buddh. Mönche nur leisten, weil sie sich in die Abhängigkeit zu vorausschauend-planenden & geduldig arbeitenden Bäuerinnen & Bauern, Handwerkern & Co.  begeben. Wenn wir also wieder perspektivisch-langfristig denken, fallen “wir” auch nicht auf die (politischen) Großmäuler und Radikalen mit ihren angeblich einfachen, schnellen Lösungen für komplexe Probleme herein. Das schreibt ein kinderloser Mensch insbesondere an alle Eltern und Großeltern dieser Welt. 

      3) Du hast das menschengemachte, weltweite Leid sehr fundiert, sehr wissend, sehr mitfühlend erfasst und uns mitgeteilt. Ich komme mir ein wenig vor wie Mitglied in einem kleinen Buchclub, dessen “kultivierte” Mitglieder gerade deinen Memoiren lauschen, die Du uns erwartungsvoll vorträgst, während der Lärm von draussen immer lauter wird da die Bagger vom Tagebau bereits am Gartentörchen entlang graben und der Brief mit der Räumungsankündigung seit Wochen ungelesen im Papierkorb liegt. 

      Ich habe keine “großen” Antworten, keine bahnbrechenden Lösungen um das von dir zu Recht beschriebene, angeprangerte, schreckliche, globale Leid und den beharrlichen, starrsinnigen Weg des Verderbens, den der Homo sapiens V0.9 eingeschlagen hat “radikal” zu verhindern. Mir dauert die (geistige) Evolution auch zu lange… Aber als einer von Vielen hier innerhalb unserer “Gleichklang-Blase” machen wir regelmäßig ja täglich viele kleine Schritte und treffen Mikro-Entscheidungen die nachhaltiger sind, als Vieles von dem, wass die Mächtigen und Superreichen “über die Köpfe von 8 Milliarden Individuen uns allen Tag & Nacht angetan haben und antun. Mein erster Schritt für eine bessere, humanere Zivilgesellschaft wäre alle wichtigen “Posten” mit Müttern zu besetzen. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass eine Mutter nicht per se ein “guter Mensch” ist. Doch die Wahrscheinlichkeit einer Verbesserung ja vielleicht sogar Heilung des kranken Status Quo ist signifikant erhöht. Das schreibt & empfindet ein kinderloser Mann mit Mitte 40. 

        1. Herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar, den Du mit uns teilst. Ich glaube, dass Abgrenzung hilfreich sein und zu Veränderung beitragen kann. Denn wenn wir uns von dem, was wir als Problem sehen, gar nicht abgrenzen, dann tragen wir zu seinem Fortbestehen bei. Allerdings sollte diese Abgrenzung nicht darin bestehen, andere zu verdammen, sondern bei Reflexion der eigenen Person immer wieder zu erkennen, wie schnell wir alle auf den einfachen und bequemen Weg des Mitmachens und des Nichts-Bewegens gelangen können. Es gibt unzählige Gründe für diesen Weg, die wir vorbringen können. Die Herausforderung besteht also darin, einen liebevoll-verstehenden Zugang zu den Menschen einzunehmen, ohne aber die tiefgreifenden Probleme und auch die Verantwortungslosigkeit der uns umgebenden gesellschaftlichen Struktur auszublenden. Meine Erfahrung ist, dass mit so einem Ansatz viele Menschen mit der Zeit bewegt werden können, sich auf einen neuen, verträglicheren, ökologischen und mitmenschlichen Weg zu begeben. Deine Formulierung finde ich sehr treffend: “während der Lärm von draussen immer lauter wird da die Bagger vom Tagebau bereits am Gartentörchen entlang graben und der Brief mit der Räumungsankündigung seit Wochen ungelesen im Papierkorb liegt.” Es ist wirklich so, dass uns die Zeit ausläuft, jedenfalls, wenn wir dazu beitragen möchten, so viel Leid wie möglich für so viele Menschen und Tiere wie möglich zu vermeiden. Umso wichtiger ist es, dass wir einen klaren Blick haben und gleichzeitig die emotionalen/geistigen Ressourcen aufbauen, um in dieser schwierigen Welt positiv zu handeln.

      • Nina says:

        Danke für den Artikel und die Mut machenden Passagen für diejenigen, die heute alleine bleiben!

          1. Ich freue mich sehr, dass der Artikel Dich angesprochen hat und dass Du die positive Intention wahrgenommen hast, insofern ist der Artikel nicht sinnlos.

        • Anne says:

          Lange habe ich überlegt was mich an Ihrem Beitrag stört, obwohl ich die Analyse sachlich in vielem teile.
          Die Kritik ist mir jedoch zu pauschal und den Gebrauch von einigen aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelversen finde ich immer fragwürdig. Kirche ist nicht gleich Kirche und tout court die Vertreter des Christentums als Heuchler abzustempeln wird der Vielfalt der Stimmen und denjenigen nicht gerecht, die ausgehend von Jesus Botschaft sich tatsächlich für Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Frieden einsetzen und ihre Stimme für die ausgegrenzten, diskriminierten und verfolgten Kreaturen erheben.
          Sie haben in vielem tatsächlich auch recht. Aber ich spüre leider auch Selbstgerechtigkeit heraus und Moralismus. Alle verraten die guten Werte aber in der Gleichklang Community, da werden wir bessere Menschen?!
          Wollen Sie eine Art neue, bessere Gemeinschaft oder Kirche gründen ?!
          Was mich aber besonders unangenehm berührt und sogar alarmiert hat, ist die Art wie Sie über die Opfer des jüngsten Terroranschlags in Magdeburg reden.
          Gewalt gegen unschuldige und an den schwächsten ist immer entsetzlich und nie zu legitimieren. Da gibt’s nichts gegeneinander aufzuwägen.
          Ich würdige und achte die Trauer der Menschen in Magdeburg und gleichzeitig bin ich entsetzt über den Tod von israelischen Jugendlichen, bei der Geiselnahme, über das unsägliche Leid in Palestina, in viel zu vielen Teilen dieser Welt.
          Da gibt es doch nicht zwingend einen Widerspruch – und den Menschen, die in Magdeburg trauern zu unterstellen dass für sie die Massengräber von unschuldigen in Palestina Normalität sind, finde ich schon fast zynisch.

          Das sympathische an Jesus ist, dass er trotz seiner radikalen Ethik eben kein Moralist war.
          Und dass er quer zu allen Vereinahmungaversuchen steht. Auch zu Ihrem.
          Und: Jesus hat wirklich Geschichten erzählt.
          Offene Kommunikation, keine Abhandlungen.

          Auf den psychologischen Teil ihres Beitrags, der viel ermutigendes enthält, gehe ich hier nicht ein. Nur oviel: hilft es unserer persönlichen Entwicklung, wenn gefühlt doch immer die anderen schuld sind?
          Die Politikerinnen ( wer hat eigentlich hier nichts abgekriegt- Sara W ?!), die “Kirche “, die die noch Fleisch essen…. Ein wichtiger Aspekt des Jesuanischen Satzes vom Balken im eigenen Auge ist die Tatsache, dass der Balken immer im eigenen Auge ist. Sobald ich anderen vorwerfe, dass sie den Balken im eigenen Auge nicht sehn bin ich ganz genau blind für meinen Balken.
          In diesem Sinne sind meine Anmerkungen natürlich ganz partiell und werden ganz bestimmt nicht dem langen und ausführlichen Artikel gerecht.
          Aber ich hab jetzt den Mut zur Unperfektheit ( und zum – wahrscheinlich- unpopulär sein)

            1. Danke für Deine Kritik, die mir aber weniger auf die Inhalte bezogen scheint, als darauf, dass Du den Stil ablehnst.

              Ich habe die Jesus-Zitate ebenfalls zur Verdeutlichung gebraucht (nicht aus religiösen Gründen) und habe hier ein wenig den Eindruck, dass auch Du implizit dem gesellschaftlichen Strickmuster folgst, die Zitate von ihrem Inhalt und ihren Konsequenzen zu befreien (“bloß keine Schlussfolgerung ziehen”). Warum sollte es Vereinnahmung sein, Zitate anzuführen, die doch einen völlig klaren Inhalt haben, z.B. das Zitat zum Kamel im Nadelöhr. Ich sehe das nicht als Vereinnahmung, sondern ganz im Gegenteil sehe ich eine Gesellschaft als vereinnahmend, die das absolute Gegenteil tut, was in den Zitaten zum Ausdruck kommt, und trotzdem angeblich für eine christliche Tradition eintreten möchte.

              Ich spreche in dem Artikel “unsere” Gesellschaft, eben nicht über andere Völker – da ich nun einmal in dieser Gesellschaft groß geworden und sozialisiert worden bin. Ich spreche also tatsächlich in diesem Artikel nur und ausschließlich über den eigenen Balken!

              Und nach m.E. ist es Zeit, dass wir, die wir in den westlichen Gesellschaftlichen sozialisiert worden sind, dies noch viel mehr tun und unsere eigenen Gesellschaften hinterfragen, anstatt uns weiterhin einzubilden, wir wären eine bessere Gesellschaft. (Dass wir dies tun, lässt sich u.a. an Meinungsumfragen, der Analyse der Tendenz der Medienberichterstattung wie am internationalem diplomatischen Auftreten Deutschland/anderer westlicher Länder erkennen). Ich würde mich freuen, wenn wir stattdessen handlungssteuernd erkennen würden, dass unsere Gesellschaft eben kein Recht auf drei Erden hat, sondern auf Kosten anderer lebt und dies ändern sollte.

              Das ist die Botschaft, die ich vermitteln wollte, plus dem Hinweis, dass wir in einigen Bereichen damit auch als einzelne Menschen sofort beginnen können.

              Ich denke, der Artikel wirkt deshalb so “extrem”, weil wir so stark internalisiert haben, eine bessere Gesellschaft zu sein. Nach m.E. wird dadurch aber eine echte, im Hintergrund liegende Extremität verborgen, in der das Eintreten für Menschenrechte und Gerechtigkeit nicht ernst gemeint, sondern ritualhaft ist. Darauf wollte ich hinweisen und ich habe es deshalb durch zahlreiche Sachverhalte und Links verdeutlicht, weil es ohne diese Belege zu abweichend wäre, als dass es zur Kenntnis genommen werden würde.

              ​Meine Sichtweise ist die, dass die Missstände (Klimawandel, Abschottung gegen Geflüchtete, Duldung/Durchführung von Menschenrechtsverletzungen in riesiger Zahl, Tierausbeutung) so groß, umfassend und generalisiert sind, dass es wichtig ist, zu erkennen, dass etwas Grundlegendes gesellschaftlich nicht stimmt.

              Die Wahlumfragen zeigen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung dies anders sieht. 9 % weisen z. B. dem Klimawandel für eine politische Wahlentscheidung Priorität zu. Aber der Klimawandel führt zu weltweiten Verheerungen, wird Millionen Menschen töten und ist übrigens auch für die Tierwelt eine Katastrophe. Viel mehr sehen aber Geflüchtete als Problem an und 80 % wollen Migration begrenzen.

              In Anbetracht dieser Situation und des Hungers in der Welt etc. halte ich schon ein fundamentales Umsteuern für erforderlich, und dies wird laut Umfragen von den meisten nicht gewollt, weil sie stattdessen an eigene (vermeintliche) ökonomische Vorteile denken. Diese Situation ergibt sich wiederum aus der gesellschaftlichen Struktur, sodass eine Auseinandersetzung mit dieser Situation nicht möglich ist, ohne das Grundproblem zu benennen. In dem Video “Die Verhaltenskrise, die unsere Umwelt und unsere Beziehungen zerstört” stelle ich eine psychologische Studie vor, die aufzeigt, wie wir durch unsere gesellschaftliche Struktur tatsächlich zur Zerstörung unserer Erde konditioniert werden – jeder Einzelne von uns!

              Die von Ihnen gespürte „Selbstgerechtigkeit“ bezieht sich vermutlich weniger auf mich, sondern darauf, dass auch Sie sich angegriffen fühlen. Aber es geht nicht um Angriff, sondern Reflexion der Missstände, die UNSERE Gesellschaft in einer Form ergriffen hat, dass die Gesellschaft das Ausmaß der Missstände und die echte Selbstgerechtigkeit (“wir sind die Opfer”, “wir sind die Guten”, “unsere Problem sind Migrant:innen”) nicht sieht. Sachlage ist nun einmal, dass alle Meinungsumfragen belegen, dass z. B. die Mehrheit der Menschen in Deutschland derzeit nicht einmal im Ansatz das Leid der anderen für politisch entscheidungsrelevant hält und stattdessen für Härte und Abschottung gegen andere plädiert. Ich denke, wir sollten dies als Ausdruck eines Fehlers in unserer Gesellschaft anerkennen.

              Den Vorfall in Magdeburg habe ich in einem Satz erwähnt wegen der enormen und nach m.E. in der Tat zur Schau gestellten Beteiligung und Trauer der gesamten Politik/Gesellschaft – und der Sachlage, dass hieraus wieder in zahlreichen Artikeln und in Demonstrationen Schlüsse gegen Geflüchtete gezogen werden. Ich habe dies Beispiel auch gebracht zur Verdeutlichung des Kontrastes, weil ähnliche Kundtuungen komplett unterbleiben, wenn es das Leben anderer betrifft, selbst wenn ein Vielfaches sterben. Ich sehe hier einen Unterschied in der Wertigkeit, welches wir Menschenleben zuweisen. Ich glaube in der Tat auch, dass ein Urgrund in unserer Grausamkeit gegenüber Tieren liegt, die wir rasant auf Menschen übertragen können, wenn es sich anbietet, da das Repertoire der Grausamkeit so bereits vorhanden ist, wir brauchen es nur anzuzapfen. Deshalb spreche ich dies Thema in dem Artikel an, streng mit dem Balken im eigenen Auge, da es eben nicht z. B. um (einige) Menschen in Asien geht, die Hunde essen; einem Thema, dem sich viele deutsche Fleischesser:innen in den sozialen Netzwerken mit Herzblut widmen.

              Ich sehe solch ein Kümmern (ob um Menschen oder Tiere) tatsächlich nicht als Ausdruck von Humanität, sondern als Ritualismus:

              Wenn ich auch an diesen Weihnachtagen zahlreiche Menschen im Meer ertrinken lasse, die ich retten könnte, wenn ich Geld zahle, das Menschen zum Verdursten in die Wüsten verfrachtet, wenn ich Waffen an Länder liefere, die furchtbare Menschenrechtsverletzungen in diesen Tagen begehen, dann kann es mir nicht um ein echtes Mitgefühl gehen, wenn ich zur gleichen Zeit, wo ich all dies tue, plötzlich angebe, in tiefer Trauer zu sein, weil eigene Staatsbürger zu Tode gekommen sind. Es hilft auch nichts, die anderen in einem Nebensatz zu erwähnen, wenn das Hauptfeld klar bestimmt ist.

              Wenn wir echte Mitmenschlichkeit wollen, geht das nicht zusammen. Wenn wir solche selektive Anteilnahme (ob für einige Menschen oder einige Tiere) als Akt der Humanität anerkennen, verschließen wir uns die Augen und tragen dazu bei, dass Verblendung und Heuchelei fortbestehen.

              Bei anderen erkennen wir das auch sofort:

              Wenn beispielsweise in Russland um getötete Russen getrauert wird, sehen wir alle, dass das keine Humanität ist, eben weil die anderen Toten nicht ebenso öffentlich betrauert werden und stattdessen die eigene Seite weiter tötet.

              Warum wollen wir es bei uns selbst nicht sehen?

              Der psychologische Teil zur Einsamkeit bezieht sich darauf, dass wir nicht mehr leiden müssen, wenn wir erkennen, dass die Weihnachtsaufführung in Wirklichkeit keine Verbundenheit schafft. Es kann Menschen helfen, zu erkennen, dass das, was sie vermissen (nicht nur Integration in Weihnachtsaktivitäten, sondern auch z. B. Geld, Luxus, gesellschaftliche Anerkennung) zum Lebensglück gar nicht erforderlich ist. Ich sehe nicht, dass ich dies mit Schuld in Verbindung gebracht habe.

              Die Schuldfrage im politischen Kontext habe ich übrigens auch nicht diskutiert, sondern auf eine zugrundeliegende Struktur verwiesen, die uns alle ergreifen kann, ohne dass wir es überhaupt merken. Die von mir aufgeführten Beispiele sind nur Verdeutlichung der tiefergreifenden Struktur, bei der das Streben nach Gewinn und oberflächlichem Konsum uns den Blick auf andere Werte verstellt und bei dem unser Eintreten für Humanität ritualisiert, nur auf uns selbst bezogen und somit wirkungslos ist.

              1. Anne says:

                Lieber Guido F. Gebauer,
                nein, ich fühle mich gar nicht angegriffen. Genau wie Sie lebe ich auch gar nicht mehr in Deutschland und habe bewusst die kleine aktive protestantische Minderheitskirche der Waldenser in Italien den deutschen Landeskirchen vorgezogen. Die haben Übrigens die humanitären Korridore erfunden und politisch durchgesetzt, die ( viel zu wenige) Menschen davor bewahren, sich den Schleppern im Mittelmeer anzuvertrauen. ( MH Mediterranean Hope)
                Wie schon geschrieben finde ich vieles bedenkenswert und wertvoll was Sie schreiben.
                Sich schriftlich auszutauschen hat Grenzen, wir kennen uns nicht persönlich etc.
                Akzeptieren Sie doch einfach meine partielle Kritik ( wie schon eingestanden) und die Tatsache dass mir Ihr Stil nicht so zusagt und ich als Theologin und Pfarrerin einen anderen Blick auf das vielfältige und vielstimmige und komplexe Zeugnis der Bibeltexte habe.
                Danke für Ihre Antwort, in Vielem sind wir “in sintonia”
                Grüße Anne

                  1. Liebe Anne,

                    Deine Kritik akzeptiere ich natürlich und meine Vermutung mit dem “angegriffen fühlen” bezog sich auf Deinen Eindruck, es sei “selbstgerecht”. Vermutlich habe ich es deshalb so interpretiert, weil erstens manche Leser:innen mir bei solchen Artikeln direkt schreiben, dass sie sich angegriffen fühlen und zweitens der Vorwurf der “Selbstgerechtigkeit” sozusagen ein “Standardvorwurf” ist, der sehr oft gegen Veganer:innen erhoben wird, obgleich diese meistens besonders selbstkritisch sind und genau aus diesem Grund auch ihren eigenen Fleischkonsum aufgegeben haben. Insofern habe ich das mit “angegriffen sein” falsch eingeordnet.

                    Die Waldenser sind mir bereits wegen ihrer frühen Ablehnung der Todesstrafe ausgesprochen sympathisch, und Deine Ergänzungen zu den humanitären Korridoren vervollständigen das Bild.

                • San Dra says:

                  Sie haben vollkommen Recht! Besonders abstoßend finde ich den Kommerz zu Weihnachten. Noch an Heiligabend brummt das Geschäft. Die Schaufenster sind festlich geschmückt, und es wird noch einmal groß Reibach gemacht von denen, die die Festtagesstimmung dazu nutzen wollen, unsere Taschen zu öffnen, nicht unsere Herzen.

                  Ich persönlich habe ich deshalb schon vor Jahrzehnten dem Buddhismus zugewandt. Zu Festen kaufen wir nicht, sondern opfern nur, vor allen auch als Speisung der Armen. Gegessen wird dabei nachhaltig und karmaneutral.

                    1. Ja, die komplette Ausrichtung auf zudem hochgradig umweltschädigenden Konsum trägt maßgeblich dazu, dieser Art von Weihnachten jeden konstruktiven Sinn zu nehmen. Deshalb verändern sich die meisten Menschen durch solche Tage auch nicht zum Positiven, Mitmenschlichen hin, sondern werden eher in ihren vergangenen Mustern gestärkt, die durch derartige Tage belohnt werden. In diesem Video (Spiegel) kann dies sehr eindringlich angeschaut werden.

              2. Christel Handt says:

                Sehr geehrter Herr Gebauer, Sie klagen die Kirchen mit ihren roten Teppichen und Weihnachtsgottesdiensten an. Ich weiß nicht, wie viele Gottesdienste Sie mitgefeiert haben. Sehr viele Kirchengemeinden gehen sehr aufmerksam mit dem Thema des Weihnachtsfestes um. Sehr viele Kirchengemeinden in diesem Land setzen sich sehr hilfreich für Geflüchtete ein. In vielen Kirchengemeinden haben von Abschiebung gefährdete Menschen Kirchenasyl gefunden. In allen Kirchen in Deutschland wird zu Weihnachten Kollekte gesammelt für die Aktion ” Brot für die Welt”.
                Sie schreiben von Syrien und mahnen eine Versöhnungskommission wie in Südafrika an. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika ist erst vier Jahre nach dem Ende der Apartheit ins Leben gerufen worden von der Anglikanischen und von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südafrika und ist unterstützt worden von den Partnerkirchen in England und in Deutschland. In Syrien gibt es fast keine Christen mehr und niemanden, der so schnell nach Assads Flucht eine solche kommission auf die Beine stellen könnte. Außerdem würde die Voraussetzung sein, daß Täter und Opfer bereit sind,einander gegenüber zu sitzen, einander ihre geschichten und Motive zu erzählen und aufeinander zu hören. Diese Bereitschaft gab es in Südafrika. In Syrien gibt es sie momentan nicht.
                Dann vermischen Sie in Ihrem Beitrag manches: Jesus war kein Christ! Jesus war Jude und ein jüdisches Flüchtlingskind, das vor römischer Besatzung floh.
                Sie sprechen von “historischem Mythos”. Diese Formulierung ist in sich schon ein Widerspruch. Ein Mythos ist eine literarische Gattung und damit eine literarische Wahrheit. Ob es genau dem historischen Ablauf entspricht, weiß niemand. Hingegen weiß man, daß Juden immer gefährdet und verfolgt waren und jetzt lediglich von gefährdeten und getöteten Palästinensern zu sprechen, ist sehr einseitig. Jüdinnen und Juden weltweit feiern von heute an 8 Tage Chanukka und Rituale wie Weihnachten oder Chanukka sind Lebenshilfen und Alltagsstrukturen und keine Heuchelei.
                Mit freundlichen Weihnachtswünschen, Christel

                  1. Danke für die kritischen Anmerkungen.

                    Mein Artikel bezieht sich nicht vorwiegend auf die Kirchen. Vielleicht habe ich das nicht deutlich genug gemacht, auch nicht auf die Gläubigen. Übrigens habe ich u. a. den Papst durchaus recht positiv hervorgehoben.

                    Mein Artikel bezieht sich auf die Gesellschaft als Ganzes und die Politik, zumal mehrheitlich Weihnachten nicht vorwiegend religiös gesellschaftlich wahrgenommen wird. Es geht mir um leere Weihnachtsrituale, nicht um einzelne Gläubige oder Gläubigen-Gemeinschaft, die womöglich Weihnachten in Einstellungen und Handeln mit Leben füllen.

                    Insofern sind Ihre Ausführungen, dass vieles Gute von kirchlichen Kreisen kommt, sicherlich richtig, steht aber nicht in Widerspruch zu meinem Artikel. Ich denke, die heutige kirchliche Bilanz ist gemischt, es gibt aktuell vieles Gutes und vieles Schlechtes, die geschichtliche Bilanz ist in der Gesamtbetrachtung sicherlich kritisch. Die heutigen christlichen Kirchen sind nach meinem Verständnis widersprüchlich, was aber in meinem Artikel nicht thematisiert wird.

                    Inhaltlich ging es mir eher darum, zu zeigen, dass wir es weitgehend mit einer Ritualisierung zu tun haben.

                    Nelson Mandela war einer der Hauptprotagonisten der Versöhnungskommission und er war kein Christ. Mit ihm viele Mitglieder des ANC, auch Mitglieder der kommunistischen Partei, die atheistisch orientiert waren. Damit will ich in keiner Weise das enorme Engagement von Desmond Tutu und anderen herabwürdigen, die aus allgemein menschlichen und auch aus christlichen Gründen für die Versöhnung eingetreten sind.

                    Ich sehe es aber nicht so, dass eine Versöhnungskommission nur Christ:innen möglich wäre. So heißt es auch im Koran: “Wenn beide Versöhnung (iṣlāḥ) wollen, wird Gott es zwischen beiden gelingen lassen.“ Die Versöhnungskommission war ein alternativen Instrument zum Strafrecht mit hoher Effektivität. Dies lässt sich in allen Kontexten anwenden. Für Syrien fände ich das besonders passend, weil hier alle Hauptbeteiligten Verbrechen begangen haben, und ich eine Bestrafung nur der einen Seite für wenig zielführend halte. In der Tat bezog sich das Augenmerk des Artikels in diesem Kontext erneut vorwiegend um die “Ritualisierung”, wo nämlich Gerechtigkeit dadurch ihres Inhaltes entleert wird, dass sie einseitig ausgelegt wird. Gleichzeitig wähnen sich die Protagonist:innen aber moralisch im Recht.

                    Ich halte es für die alle Völker und Kulturen überschreitende Essenz von Fluchtgeschichten nicht entscheidend, vor wem Jesus und seine Familie geflohen sind, insbesondere für meinen Artikel. Die allgemein menschlichen Aspekte sind zentraler. Das Entscheidende für die Einordnungen in meinem Artikel ist jedenfalls, dass hier im Fokus ein Flüchtling steht.

                    Ich finde es weiterhin bemerkenswert, dass unsere Gesellschaft, die sich radikal gegen Geflüchtete wendet, sich zu Weihnachten auf eine Tradition beruft, deren verehrtes Subjekt nach dem Mythos ein Flüchtling war. Dass dieses gesellschaftliche Verhalten nicht als unerträglicher Widerspruch erlebt wird, ergibt sich für mich wiederum daraus, dass wir es hier tatsächlich gesamtgesellschaftlich mit Floskeln und toten Ritualen zu tun haben.

                    Erneut wendet sich dies nicht vorwiegend an Christ:innen und schon gar nicht an die, die sich womöglich für Geflüchtete einsetzen. Es schildert den Mehrheitstrend in der Gesellschaft.

                    Ich stimme Ihnen mit den “Lebenshilfen” in dieser generalisierten Form aus folgenden Gründen nicht zu:

                    Keine Tage werden subjektiv von so vielen Menschen als einsam erlebt, wie solche Tage. Die Hilfe kommt gerade bei denen nicht an, die einsam sind. Das wird nicht ausgeglichen durch Kompensationsversuche, sonst würde die Einsamkeit nicht von so vielen gerade an diesen Tagen beschrieben. Wenn es eine Hilfe ist, ist sie also offenbar für viele unwirksam.

                    Allerdings bestreite ich nicht, dass es auch umgekehrt sein kann und gerade diejenigen, die tatsächlich gläubig sind und an religiösen Veranstaltungen teilnehmen, an diesen Tagen auch ein erhöhtes Wohlbefinden entwickeln können. Eine Studie kam dabei zu diesem Gesamtergebnis:

                    “Die wichtigsten Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Weihnachtszeit mit einem Rückgang der Lebenszufriedenheit und des emotionalen Wohlbefindens verbunden ist. Eine Ausnahme von diesem Muster bilden jedoch die Christen, insbesondere diejenigen mit einem höheren Grad an Religiosität.”

                    Was wir verneinen können ist, dass sich die Weihnachtszeit auf unsere derzeitige Gesellschaft insgesamt im Sinne einer Steigerung des Wohlbefindens auswirkt, bei Gläubigen ist dies eine andere Frage, wobei hier letztlich die Nachhaltigkeit zu untersuchen wäre.

                    Meine eigene Argumentation oder mein Vorschlag (der sich auf die gesellschaftlichen Rituale bezieht, nicht die Gläubigen) ist, dass wir das Einsamkeits-Erleben überwinden können, wenn wir die aufgezeigte Ritualhaftigkeit des gesellschaftlichen Weihnachten erkennen, uns davon innerlich abgrenzen und stattdessen an uns selbst und an echter Verbundenheit arbeiten. Dazu hatte ich eine soziologisch ausgerichtete Studie zitiert, die dies aufzeigt.

                    Ich erlebe das gesellschaftliche Weihnachten weiterhin als Heuchelei, eben weil die gleichen, die salbungsvoll nun von Weihnachten sprechen, zur gleichen Zeit gegenüber anderen grausam handeln und dies mit Begriffen wie “Fest der Liebe” überdecken. Nach meiner Einschätzung ist das keine Randerscheinung, sondern der Kern der gesellschaftlich geprägten Tradition.

                    Ich stimme Ihren Ausführungen zu den Palästinenser:innen (“einseitig” etc.) ebenfalls nicht in Gänze zu:

                    Nach den (von mir verlinkten Berichten von führenden humanitären Organisationen) gibt es derzeit keinen Fleck auf der Welt, wo Menschen in solch einem Terror und Lebensgefahr leben (gemessen an der individuellen Wahrscheinlichkeit für einen einzelnen Menschen, verletzt oder getötet zu werden, zu hungern, oder Angehörige zu verlieren), wo 96 % der Kinder davon ausgehen, bald zu sterben (nach einer aktuellen Studie), wo die höchste Rate an Amputierten weltweit herrscht, die höchste Rate an Waisen, wo die Menschen ohne Narkose oder ohne ausreichende Narkose operiert werden. Selbst im Sudan – mit der im Hinblick auf die Anzahl der Betroffenen größten aktuellen Hungersnot und einem furchtbaren Krieg – ist die Wahrscheinlichkeit der einzelnen Sudanese:innen, verletzt zu werden, zu sterben, Angehörige zu verlieren etc., bei weitem geringer als die entsprechende Wahrscheinlichkeit für die Menschen in Gaza. Es gibt derzeit bezüglich des individuellen Risikos von Menschen, schweren Schaden und Leid zu erleiden, keinen vergleichbaren Platz auf unserer gesamten Erde – das ist die übereinstimmende Bewertung aller relevanten Hilfsorganisationen und Menschenrechtsorganisationen, die zu diesen Thematiken arbeiten. Da dies aktuell geschieht, müssen wir alles tun, damit es endet. Dabei ist diese aktuell ablaufende Extremsituation so unvorstellbar, dass wir sie in den Vordergrund rücken sollten, wobei ich aber auch über andere Leiderfahrungen in dem Artikel gesprochen habe.

                    Habe ich geschrieben, dass Jesus ein Christ war?

                    Ich erachte die Fluchtgeschichte Jesu in der Tat als einen historischen Mythos, es sind keine historisch belegten Fakten. Ich finde den Begriff nicht widersprüchlich. Dass Juden und Jüdinnen gefährdet und verfolgt waren und sind, steht in keinem Zusammenhang mit meiner Einordnung der Weihnachtsgeschichte als Mythos. Aber einen zentralen Zusammenhang gibt es doch; denn “Ritualismus” trägt tatsächlich nicht zum Abbau vion Antisemitismus, Rassismus und anderen Formen von Verfolgung und Vorurteilen bei. Nur ein konsequenter Bezug auf universale Menschenrechte, die wir nicht selbst durch Ausnahmen aushebeln können, könnte hier wirklich hilfreich sein. und beginnen könnte und sollten wir dabei nach meiner Einschätzung als westliche Staaten, die sich Menschenrechte offiziell auf die Fahnen schreiben, bei uns selbst. Denn es gibt – ich denke, dies zeigt der Artikel auf – genug zu tun, damit wir aufhören, Worthülsen zu verbreiten, anstatt die Inhalte der Worte zu leben und damit auch an Glaubwürdigkeit zu gewinnen.

                    Für den Inhalt meines Artikels ist es nach meiner Ansicht nicht entscheidend, ob die konkrete Flucht von Jesus und Familie ein Mythos oder eine historische Sachlage ist, weil der Bezug auf der Differenzierung von Inhalten und leeren Ritualen liegt, deren Leere (sich für die gesamtgesellschaftliche Praktiken, nicht für die Gläubigen) aus den im Artikel benannten Kontrasten ergibt.

                    1. Sammy says:

                      Sie würden tatsächlich so weit gehen, die Verfolgung der Juden für einen Mythos zu halten?

                        1. Ihre rhetorische Frage widerspricht meiner Aussage.

                          Zitat aus meinem Kommentar:

                          “Ich erachte die Fluchtgeschichte Jesu in der Tat als einen historischen Mythos, es sind keine historisch belegten Fakten. Ich finde den Begriff nicht widersprüchlich. Dass Juden und Jüdinnen gefährdet und verfolgt waren und sind, steht in keinem Zusammenhang mit meiner Einordnung der Weihnachtsgeschichte als Mythos”

                          Hinter Ihrem Kommentar verbirgt sich nach meinem Eindruck eine Abwehrhaltung, die mit dem Begriff “Verkehrung ins Gegenteil” bezeichnet werden kann und – mit Verlaub – hochgradig passiv-aggressiv ist. Ich denke, wir sollten hier nicht so miteinander umgehen, weil damit verlassen wir den Boden der konstruktiven Diskussion.

                    2. Anne says:

                      Liebe Christel,
                      du sprichst mir aus der Seele
                      Danke für diesen Beitrag.
                      Anne Zell

                    3. M says:

                      Danke, Guido. Danke für den Mut (?), gerade zur Zeit, so viele “unangenehme” Themen gleichzeitig angesprochen zu haben… Ich arbeite seit mehreren Jahrzehnten daran, angesichts eben dieser allumfassenden Lage nicht komplett zu verzweifeln, sondern, konstant im kleinen wie im größeren, zu versuchen Dinge zu verbessern. Auch und gerade im Bereich des Tier- und Umweltschutzes. Denen eine Stimme zu geben, die nun wirklich gar keine haben. Deshalb: Danke für das Anprangern von Scheinheiligkeiten und Leere. Beides scheint leider tief verwurzelt. …und wer denkt schon gerne, radikal, gerne zu erst an Andere (?)…

                        1. Ich denke, Dein Ansatz, Dich in Deinem eigenen Leben für kleinere, lokale, aber auch größere Bereiche einzusetzen, wo Du etwas tun kannst, ist der richtige Weg. Indem wir trotz alledem tätig werden, schaffen wir es auch, die innere Stabilität zu haben, die ansonsten tatsächlich verloren gehen könnte. Insofern habe ich meinen Artikel auch nicht als einen Artikel der Verzweiflung und Resignation, sondern der Hoffnung und Veränderung schreiben wollen. Allerdings glaube ich, dass wir uns die Analyse der Realsituation (die schrecklich ist) nicht ersparen können, um sodann sozusagen aus dieser Finsternis heraus Licht zu schaffen. Das gesellschaftliche Mehrheitsweihnachtsfest tut gegenüber nach meiner Einschätzung das Gegenteil, indem es die zu verändernden Grundprobleme eher verdeckt und damit quasi illusionäre Scheinlichter schafft, die den Weg für Veränderungen nicht bahnen, sondern verstellen.

                      • Axel says:

                        Lieber Guido F. Gebauer,

                        ich möchte nach all dem zuvor Gelesenen hier nicht erwähnen, dass ich vom Inhalt Ihres Artikels überzeugt bin, obwohl dem eigentlich so ist. Auch möchte ich nicht erwähnen, dass ich seit Jahren für Geflüchtete mehr getan habe als die meisten Menschen in unserer Gesellschaft, obwohl dem auch so ist.

                        Gibt es denn auch soziologische Daten darüber, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Mehrheit Ihrer Gleichklang-Mitglieder solche Artikel von Ihnen überhaupt annehmen und verstehen kann?
                        Ich verspüre kein Unbehagen beim Lesen Ihrer Ausführungen, sondern beim mir-Vorstellen, dass unter Gleichklang-Leuten einfach gewisse Sinne fehlen könnten. Ein Vergleich: was nützen tolle Radio-Essays, wenn viel zu Wenige Antennen und Receiver besitzen, um sie zu empfangen? Ich hoffe, ich irre mich, aber falls nicht: wie können Sie dann Ihr Dating-Anliegen in Zukunft mit dem warnend-vorausschauenden Ansinnen verbinden?
                        Dass das gelingen möge ist mein Wunsch für Sie zum Neuen Jahr: Ich wäre gern Teil einer Community, die mit Begeisterung mehrheitlich hinter Ihrer angebotenen Philosophie steht. Das schließt Kritik am Stil oder an eventuellen Irrtümern Ihrerseits ja nicht aus.

                        der Stralauer

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                        Guido F. Gebauer

                        Geschrieben von

                        Guido F. Gebauer studierte Psychologie an den Universitäten, Trier, Humboldt-Universität zu Berlin und Cambridge (Großbritannien). Promotion an der Universität Cambridge bei Prof. N. J. Mackintosh zu den Zusammenhängen zwischen unbewusstem Lernen und Intelligenz. Im Anschluss rechtspsychologische Ausbildung, Tätigkeit in der forensischen Psychiatrie und 10-jährige Tätigkeit als Gerichtsgutachter. Gründung der psychologischen Kennenlern-Plattform Gleichklang 2006. Schreibt für diesen Blog und für vegan.eu und Hochsensible,.eu. Buchveröffentlichung "A Perfect Match? Online-Partnersuche aus psychologischer Sicht" im Mai 2022 im Edigo Verlag. Gebauer lebt und arbeitet in Kambodscha, wohin er Ende 2015 gemeinsam mit dem Geschäftsführer von Gleichklang Seksan Ammawat ausgewandert ist. Termine für ein ⇒ COACHING (Telefon, Video-Chat) können vereinbart werden. Direkter Kontakt für Anmerkungen zu Artikeln hier: gebauer@gleichklang.de